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 Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]

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Kauzi
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BeitragThema: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Dez 12, 2012 9:33 pm

Jedes Mal wieder war es gleich abstoßend, gleich eklig, und obwohl er sich jedes Mal aufs Neue schwor, es würde das letzte Mal sein, kam er doch nicht davon weg. Wovon sollte er sonst auch leben, wenn nicht vom Geld der Freier? Er hatte keine großen Berufschancen, immerhin war er nicht gerade legal hier in Amerika, und einen vernünftigen Schulabschluss hatte er auch nicht. Er kniff die Augen zusammen, zum Glück konnte er einfach auf die Bettdecke des anderen starren, während er wieder von irgendeinem x-beliebigen Kerl gevögelt wurde. Nicht, dass es das erträglicher gemacht hätte. Er stieß hin und wieder ein alibihaftes Keuchen aus, damit der Kunde nicht das Gefühl bekam, er würde für sein Geld nichts geboten bekommen, aber im Endeffekt musste es ja doch nur ihm gefallen, und er hatte sich auch von vorneherein keine große Mühe gegeben, es ihm irgendwie angenehm zu gestalten. Solche Freier hatte er auch höchstens alle paar Monate mal. Er biss sich leicht auf die Unterlippe, als eine weitere grobe Bewegung Schmerzen in dem schmalen Körper hervorrief, krallte sich fester in die Decke. Er hatte in letzter Zeit kaum Gelegenheit gehabt, im Central Park ein wenig Geld mit seinen Zeichnungen und Porträts zu verdienen, die einzige Ausflucht aus seinem grauen Alltag war das sonst gewesen, aber sein Zuhälter hielt ihn in letzter Zeit ordentlich auf Trab und knöpfte ihm so viel ab, dass er keine Zeit mehr hatte, auf jede noch so widerliche Nummer zu verzichten. Er ballte leicht die Fäuste, schlimm genug, dass er seit Jahren nicht vom Strich wegkam, jetzt machte er auch noch Schulden bei seinem Zuhälter, was ihm das Aussteigen beinahe unmöglich machte. Warum hatte er bloß gedacht, nach Amerika zu kommen würde seine Probleme lösen? In Norwegen war es wenigstens nicht ganz so schlimm gewesen, er hatte seinen Körper nicht an irgendwelche notgeilen Idioten verkaufen müssen. Diese große Vision hatte er gehabt, dieser dumme American Dream. Alles Lügen waren das gewesen, die einzigen Leute, die ihn aufgrund seiner europäischen Herkunft jetzt schätzten, waren keine extravaganten Künstler, die seine Werke bewunderten, sondern irgendwelche Geschäftsmänner, die es gerne ein klein wenig ausgefallener, exotischer hatten. Immerhin bestätigte er mit seinen hellblonden Locken und den blauen Augen wirklich alle Klischees. Bestimmt hätte er unter einem anderen Zuhälter mehr Geld verdienen können, aber Michael war gewalttätig und ließ ihn nicht so einfach gehen, und mittlerweile hatte Julian zu viel Angst vor ihm, um sich irgendwie zu widersetzen. Seinen Traum von einer netten kleinen Wohnung, die er mit seiner Kunst finanzieren konnte, vielleicht ein netter Freund, mit dem der Sex ein Vergnügen und keine Tortur wäre- das war alles in so unerreichbar weite Ferne gerückt, dass selbst Julian nicht mehr daran glaubte. Dabei war er sonst immer so ein unglaublicher Optimist gewesen. Einzig den Drogen hatte er sich bis jetzt tapfer versagt, sparte er doch jeden Penny für Kunstutensilien auf, aber in dieser Welt war es nicht mehr so einfach, zu widerstehen. An dem Keuchen des Mannes über ihm konnte er merken, dass sich der Sex dem Ende näherte, nicht, dass es für ihn ein ähnlich befriedigendes Ende geben würde. Er spürte, wie die Hand des Fremden nach seinem Glied tastete, aber er wünschte sich eigentlich, er würde es nicht tun. Was sollte er mit einem gezwungenen Orgasmus, wenn er doch am liebsten einfach so schnell wie möglich von hier verschwinden wollte? Er biss die Zähne fest zusammen, so wenig Laute wie möglich ausstoßend, bis sein Freier endlich seinen verschwitzten Körper von ihm entfernte und sich aus ihm zurückzog. Endlich. Vielleicht wollte er für sein Geld noch ein paar Zärtlichkeiten abstauben, aber Julian wollte nur weg von hier, schnappte sich eilig seine Sachen, die neben dem Bett verstreut lagen, und zog sich wieder an. Er hörte den Mann unzufrieden knurrend, aber es war ihm egal. Sein Geld hatte er schon bekommen, sobald die Zimmertür hinter ihnen zugefallen war hatte er sowieso keine Chance sich zu wehren. Er spürte, wie sich eine Hand um sein Handgelenk legte, zog sie aber schnell wieder beiseite.
„Sie haben bekommen, wofür Sie bezahlte haben“, murmelte er leise, die Winterjacke fest um den dürren Körper ziehend. Zum ersten Mal sah er dem Mann wirklich in die Augen, irgendwie um die Dreißig, komplett durchschnittlich, bestimmt arbeitete er irgendwo in einem Büro, hatte vielleicht sogar Familie. Ein Spießer, von dem niemand wusste, dass er in seiner Freizeit junge Männer vögelte. Und jetzt sollte er gefälligst in sein langweiliges, geregeltes Leben zurückkehren und ihn in Ruhe lassen.
„Schönen Tag noch“, nuschelte er noch in seinen Schal hinein, bevor er sich durch die Wohnungstür zwängte um zu verschwinden. Er war kaum einige Stufen weit gekommen, als er die Stimme des Mannes hinter sich hörte. Er wusste, dass es nicht klug war, hielt aber kurz inne, um sich umzudrehen.
„Bleib doch noch ein wenig, Kleiner. Was ist mit gutem Kundenservice? Ich finde nicht, dass du mir schon genug geboten hast“, grinste er ihm entgegen, und Julian bereute es, dass er stehengeblieben war, verspürte sogleich ein flaues Gefühl im Magen. Er schaffte es nur, den Kopf zu schütteln, bevor er sich wieder in Bewegung setzte, aber seine Beine waren weich wie Pudding, als er die Schritte des anderen hinter sich auf der Treppe hörte. Er hätte keine Chance gegen den Mann, und Michael nahm seine Pflichten als Zuhälter schon lange nicht mehr so ernst, und gab lieber seinen Strichern und Prostituierten die Schuld, anstatt die überheblichen Freier einzuschüchtern. Fast schon war er zur Tür raus, als der Fremde ihn abermals festhielt, ihn sofort wieder begrapschte.
„Lassen Sie mich los, bitte, dazu haben sie kein Recht“, stieß er flehend aus, versuchte sich aus seinem Griff zu befreien. Draußen war es bereits dunkel und er konnte niemanden auf der Straße sehen, der ihm vielleicht hätte helfen können.
„Lassen Sie mich in Ruhe, das ist Vergewaltigung!“, stieß er ängstlich aus, aber er drückte sein Handgelenk nur etwas fester zu, und Julian stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus.
„Als würde das bei einem Stricher wie dir jemanden interessieren“, zischte er gehässig, seine freie Hand in den blonden Locken vergrabend. Der Norweger stieß einen spitzen Schmerzensschrei aus, stemmte sich mit aller Kraft gegen ihn, bis er ihn schließlich losließ, in dem vollsten Wissen, dass der schmale Leib nur nach hinten auf die Straße in den Schnee purzeln würde, sich im nächsten Moment schon bedrohlich über ihm aufbauend, sodass Julian die weiteren Worte im Hals stecken blieben. Er hörte Schritte näher kommen, aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Leute an so einer Situation einfach vorüber gegangen wären.
„Wenn Sie noch einmal wollen, können Sie doch auch einfach nochmal bezahlen.“

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Ced

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Dez 12, 2012 11:02 pm

Es war kalt geworden. Mit ein paar herzlichen Worten und einem eleganten Winken verabschiedete er sich von einem seiner Kunden. Sich nach seinem Auto suchend, zog er sich die feinen Handschuhe über. Dass hier in dieser Gegend Menschen wohnten, die Geschmack hatten und es sich sogar leisten konnten, Vincent Collister zu Hausbesuchen zu bringen. Aber wie sagt es sich so schön: Kaiser sind immer Kunden! Oder so ähnlich. Man richtete sich den Schal, damit er auch zu dem Mantel passend saß. Jetzt hieß es noch schleunigst nach Haus. In dieser Gegend konnte man sich auch nicht wirklich wohlfühlen. Bei dem Anblick dieser heruntergekommenen Fassaden rieselte vollkommen unbescheiden der Stolz über die eigenen Leistungen in sein Gemüt. Er hatte es geschafft. Er hatte seine Familie zurückgelassen und war vom Westen in den Osten des internationalen Westens gezogen. Die Arbeit hatte sich gelohnt. So unbekannt war er nicht mehr in dieser Metropole dieser medialen Kapitalgesellschaft. Es hatte genug Nerven, Glitter und eine ungeheure Menge an Feingefühl bedurft, hier stehen zu können und sich besser als der Standard zu fühlen. Seine kleine Modeboutique war sein kleines Baby, welches er ganz allein zu einem großen und starken Bürschchen herangezogen hatte. Vielleicht hätte er doch Gärtner werden sollen? Uh- er liebte Blumen. Vielleicht hatte der Florist ja noch auf? Das wäre natürlich wundertollig. Ein zierliches Lächeln legte sich in die Züge des Großstadtmenschen. New York hatte versprochen, wofür es stand. Ein neuer Weg, ein Weg, der zu den Träumen und Wünschen führte. Man konnte glücklich das Stück zurücksehen, welches man erfolgreich hinter sich gelassen hatte.
Die Arme um seinen Oberkörper geschlungen tänzelte er den schmutzigen Gehweg entlang und versuchte sich daran zu erinnern, wo er geparkt hatte. Wie sollte er sich das auch merken, wo er sich doch gar nicht auskannte? Außerdem sah hier alles gleich verwahrlost und schmuddelig aus. Man konnte doch auch stilvoll leben, wenn man nicht sonderlich reich war. Ein wenig Schimmer und Glanz und Liebe! Das konnte dieser Gegend nicht schaden! Das konnte niemanden wirklich schaden! Das waren zauberhafte Naturheilmittel, man musste nur daran glauben. Kleinigkeiten konnten viel bewegen.
Eilig schritt er an den verdreckten Fenstern und den ramponierten Straßenlaternen vorbei. Wo war nur sein Handy? Gedankenverloren kramte er in seinen Manteltaschen. Wenigstens hatte er gerade seinen Autoschlüssel gefunden. Das war doch schon einmal ein netter Anfang. Die dunkle Stille dieser abgelegenen Gegend wurde durch halblaute Stimmen gestört, Vince seufzte. Immer diese Streitereien – konnten sich die Menschen nicht lieb haben? Vermutlich würde diese Stadt dann sogar ihren Reiz verlieren. Weil Kriminalität ja so sonderlich attraktiv war. Die braunen Augen, welche sich eben noch verdreht hatten, suchten aber nach der Geräuschquelle. Zwei Häuser weiter fiel das schummrige Licht des Hausflurs auf die Straße. Zwei Männer standen dort, ihre Schatten verschmolzen. Aber irgendwie hatte das nichts Harmonisches an sich. Dann schrie die zierlichere Gestalt. Vince hob die Augenbraue. Das klang nicht gut. Er beschleunigte die Schritte. Vielleicht sollte er einfach die Straßenseite wechseln? Dann würde er sich aus all dem heraushalten können. Nicht, dass man ihn noch irgendwie anpöbelte. Er verzog das Gesicht. Dummer weise stand sein Auto nahe eben dieser Haustür. Vincent biss sich leicht auf die Lippe. Warum wollte der Tag nicht glücklich zu ende gehen? Tief durchatmend ging er zielstrebig weiter, senkte leicht den Blick. Vielleicht bemerkte man ihn gar nicht.
Er blinzelte beim nächsten Schrei. Und dann lag der Blonde auch schon vor ihm auf dem Boden. Erschrocken blieb man stehen und starrte die Szene an, die sich gerade darbot. Die letzten Worte des Jüngeren erklärten einiges. Der Lockenschopf schien ein armer Stricher zu sein. Vince‘ Blick huschte zu dem schmierigen, halb angezogenen Kerl. Wie scheußlich. Theatralisch wand er den Blick ab. Er musste doch irgendwas machen. Der Schmiersack baute sich vor dem Liegenden auf. Wollte er ihn etwa treten?
„He!“ seinen gesamten Mut aufbringend legte der glitzernde Engel die letzten Meter zurück. Er schnippte vor dem Gesicht des Mannes herum. „Was tun Sie da?“
Sein Blick kreuzte den des Blondschopfs – er sah Angst. „Verschwinde!“ raunte man ihm entgegen. Vincent schürzte die Lippen und schnippte dem Mann gegen die Nase. „Lassen Sie den Jungen in Ruhe!“
Der andere Mann richtete sich auf, ließ endlich von der bemitleidenswerten Person im Straßendreck ab. Jetzt begegnete sich die Blicke des Freiers und der Zauberfee. „Dich fick ich danach!“ warf man ihm mit kratziger Stimme entgegen und grinste schamlos, drückte ihn ohne Mühe an der Schulter nach hinten, sodass Vince einige Schritte zurücktaumelte.
Wie konnte dieser derart widerliche und abstoßende Wichser es wagen? Es wagen, ihn, Vincent Collister, anzugreifen?! Er hatte es gewusst. Der leicht eingeschüchterte Blick traf den unendlich hoffenden am Boden. Wenn er jetzt nichts tat, dann würde dieser Mann bestimmt aus ihnen beiden Kleinholz machen. Kräftig schien er zu sein. Mit einem hellen Aufschrei kniff er die Augen zusammen, winkelte die Arme ab und holte beherzt aus. Der teure Lederstiefel landete treffsicher zwischen den Beinen des Gewaltbereiten. Mit einem undefinierbaren Schmerzenslaut fasste sich jemand an seine getretenen Kronjuwelen und fiel gegen die Hauswand. „Du vögelst so schnell niemanden mehr~“ kicherte man siegessicher.
Der fremde Gelockte hatte sich mittlerweile aufgerappelt. Das Auto blinkte. „Husch, husch. Einsteigen! Der lebt noch!“ fiepte Vince und schwuchtelte um das Auto herum und landete hinter dem Steuer, der Motor sprang an. Der Kerl rappelte sich wieder auf. Gut, dass niemand vor dem Wagen geparkt hatte. Kaum hatte sich die Beifahrertür geschlossen, gab man Gas.
Das Auto sauste davon und ließ den fluchenden Perversling fluchend und drohend zurück. Zwei Seitenstraßen weiter lehnte sich Vince zurück, entspannte sich sichtlich. „Magst du Kaffee?“ er bog wieder ab und hielt unweit eines kleinen Cafés. „Ich brauche jetzt Kaffee.“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Dez 13, 2012 10:22 am

Julian hatte wirklich nicht damit gerechnet, dass ihm jemand helfen würde, und warum eigentlich auch, er konnte von niemandem erwarten, dass er seine Gesundheit für einen Stricher aufs Spiel setzte. Aber umso erleichterter war er, als der Mann, dessen Schritte er vorhin gehört hatte, anscheinend doch nicht so herzlos war. Ängstlich blickte er hinauf, konnte die schmale Gestalt vor einer der flackernden Straßenlaternen kaum ausmachen, es waren nur Umrisse, aber auch so konnte er sehen, dass er deutlich schmaler und kleiner war als der ungehaltene Freier. Hoffentlich brachte er sich mit seiner Hilfsbereitschaft nicht auch noch in Gefahr, diese Verantwortung wollte er nicht auch noch zu tragen haben. Die Innereien des Blonden zogen sich krampfend zusammen, als er den Widerling irgendwelche obszönen Beleidigungen sagen hörte und er seinen Retter ein Stück zurückstieß. Er hatte schon Angst, dass der jetzt lieber das Weite suchte, anstatt sich weiter in Gefahr zu bringen. Umso überraschter weiteten sich die blauen Augen, als man dem Freier einen heftigen Tritt in den Schritt verpasste. Einen Moment lang konnte er gar nichts anderes tun, als den ächzenden Mann anzustarren, voller Furcht, welche Wut diese Aktion in ihm hervorgerufen haben musste. Umso wichtiger, dass sie sich schnellstens verdrückten. Beinahe wäre er auf dem schneebedeckten, glatten Pflaster ausgerutscht und hätte sich unweigerlich dem Zorn des Freiers ausgeliefert, aber zum Glück fing er sich rechtzeitig. In seinem ersten Instinkt hatte er einfach die Straße hinunterrennen wollen, so schnell ihn seine Beine trugen. Aber die Stimme des Fremden lenkte seine Aufmerksamkeit dann noch früh genug auf das Blinken eines entriegelten Autos, und ohne groß darüber nachzudenken ließ er sich panisch in den Wagen fallen. Im letzten Moment schlug er die Beifahrertür zu, bevor die schmierigen Hände des Kerls erneut nach ihm grapschen konnten. Er war noch nie dankbarer für das Geräusch quietschender Reifen gewesen. Es brauchte einige Minuten, bis er realisierte, dass das penetrante Piepen im Wageninneren ihn darauf hinweisen sollte, dass er nicht angeschnallt war. Fahrig suchten seine zitternden Hände nach dem Gurt, noch immer klopfte sein Herz wie verrückt, und er kam kaum zu Atem, um sich bei dem Fremden zu bedanken. Verstohlen musterte er seinen Retter, er war vermutlich kaum älter als er selbst, auch, wenn man der blonden Gestalt kaum ansah, dass er schon 20 war, die meisten hielten ihn für einen Teenager. Endlich hatte er wieder genug Atem, um ein Wort hinauszubringen.
„Vielen Dank, ich weiß nicht, wie das ohne Sie ausgegangen wäre“, danke er ihm, sich das schmerzende Handgelenk reibend. Er blickte ihn eine Weile lang unverhohlen an, selbst in dem schwachen Licht, das von draußen in das Auto fiel, konnte er die extravagante Kleidung erkennen. Also wenn der Kerl nicht schwul war…..Aber im Endeffekt war es egal, es zählte nur, dass er ihm geholfen hatte. Eigentlich ging er davon aus, dass er ihn ein paar Straßen weiter wieder absetzen würde, immerhin war er ihm nichts weiter schuldig. Umso mehr überraschte es ihn, dass er ihn anscheinend auf einen Kaffee einladen wollte. Verdutzt blickte er ihn an, sich nervös auf die Unterlippe beißend.
„Du musst dich nicht weiter mit mir abgegeben, wirklich nicht“, murmelte er leicht, ungewollt aufs Du zurückfallend.
„Ich bin übrigens Julian“, fügte er eilig hinzu, in der noch immer in ihm schwelenden Angst war sein Akzent noch deutlicher zu hören als sonst. Aber anscheinend schien sein Retter, der Vincent hieß, auf seinen Kaffee zu bestehen, und der Norweger war viel zu überrumpelt von der Gestalt, um nicht darauf einzugehen. Ein paar Minuten später fand er sich auch schon in einem kleinen Café wieder, das er sich vermutlich gar nicht leisten konnte, und drückte sich in einen bequemen Sessel. Seine kalten Hände wärmten sich langsam an einem großen Becher mit Kakao wieder auf, der Kaffee war ihm zu teuer gewesen, und er wollte nicht von Vincent erwarten, dass er für ihn bezahlte. Er hatte heute schon mehr als genug für ihn getan. Er stieß einen kurzen Fluch auf Norwegisch aus, als er sich die Zunge an dem heißen Getränk verbrannte, es anschließend beiseite stellend und seinen Gegenüber musternd. Im gemütlichen Licht des Cafés war er besser zu erkennen, und Julian war erleichter, dass er ein netter Kerl zu sein schien.
„Ich kann mich gar nicht genug bedanken, manchmal sind diese Idioten wirklich zu allem fähig.“
Er streckte die Beine ein wenig, sie sofort entschuldigend zurückziehend, als er Vincents Beine streifte.
„Was verschlägt jemanden wie dich in so eine Gegend?“, fragte er neugierig, ihn weiterhin musternd. Er musste wirklich nett sein, wenn er selbst zu einem Stricher so freundlich war.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Dez 13, 2012 8:24 pm

Das Lied im Radio verstummte abrupt, als er den Schlüssel aus dem Schloss zog. All die kleinen Anhänger klimperten aneinander. Zittrig zog man an der Türentriegelung und stieg aus. Die frische Luft schnitt leicht in die glühenden Wangen. Man hielt sich an dem Auto fest. Das Adrenalin nahm ab. Was hatte er getan?
Sein Blick fiel zum Ende der Straße, ob man ihnen gefolgt war? Dann huschte die braune Iris zu dem jungen Mann, der ebenfalls aus dem Auto gestiegen war, Julian. Für einen Augenblick starrte er ihn an, er hatte ihm gar nicht richtig zugehört. Er war viel zu sehr in seinem ‚Rette deinen geilen Arsch‘-Tunnelblick aus der unangenehmen Situation geflohen. Erst jetzt, als er aus Höflichkeit dem eben Aufgegabelten die Tür aufhielt, realisierte er, was da eben eigentlich passiert war. Aus dem Affekt hatte er gehandelt – schön, dass er sich auf seinen Verstand noch verlassen konnte. Seine Beine trugen ihn hinter dem anderen her, er fühlte sich so schwach auf den Beinen. Ob er seinen Hüftschwung verloren hatte? Man begrüßte sie – aus Reflex antwortete man mit zuckersüßen Floskeln. Er steuerte auf einen kleinen Tisch in der Ecke zu, nahm einfach an, dass Julian ihm folgen würde. Mit einem ausgedehnten Seufzer ließ er sich auf die gepolsterte Sitzgelegenheit fallen. Der Geruch von frischen Kaffeebohnen und diese wohlige Wärme beruhigten ihn etwas. Sein Herz flatterte. Ein leicht dümmliches Lächeln kletterte auf seine Lippen, als sich der Gerettete ihm gegenüber niederließ. Der Autoschlüssel klimperte immer noch leicht zwischen den Fingern des Dunkelhaarigen. Der Blick der braunen Augen richtete sich auf den Körper ihm gegenüber. Er wollte ihn anfassen. Sich selbst glauben, dass er eben gerade getan hatte, was er getan zu haben glaubte. Heiliger Regenbogen! Er hatte eben jemanden womöglich das Leben gerettet! Oh- vielleicht übertrieb er hier auch schon. Aber er hatte jemanden gerettet! Einen kleinen unschuldig wirkenden Jungen. Er war doch ein strahlender Engel des Herrn, den diese homophobe Kirche anbetete. Er hatte es immer gewusst!
Der schmale Körper richtete sich auf, als ihm bewusst wurde, dass er hier total unschön herumsaß. Die Wimpern streichelten die Wangen, als er tief durchatmend die braunen Äuglein wieder öffnete. „Oh- Pardon!“ ein strahlend weißes Lächeln löste den entgeisterten Gesichtsausdruck ab „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt! Vincent, ja. Nenn mich einfach Vince, wenn du magst.“ Nervös lächelnd knöpfte man sich aus dem Mantel und zog sich die Handschuhe von den Fingern, drapierte alles fein säuberlich neben sich auf den unbesetzten Sessel. Sich mit der Zunge die Lippen befeuchtend verschränkte er die Finger, um sie nicht auf den Tisch tippen zu lassen. „Ich bin noch ganz durcheinander!“ er lachte leise „so was habe ich noch nie gemacht! Das war sozusagen mein erstes Mal!“ ein leichter Rotschimmer legte sich in das immer noch leicht erhitze Gesicht. Was faselte er denn da für ein zusammenhangloses Geschwafel? Sein Gegenüber musste von ihm denken, dass er total bescheuert war. Wie so eine jämmerliche Jungfrau. Die Situation überforderte ihn einfach ein wenig. Ja, das war doch zu entschuldigen, oder nicht? Vince hoffte es.
Die Kundschaft dieses Cafés war um diese Uhrzeit schon etwas ausgedünnt, sodass bereits eine Kellnerin sie ins Visier genommen hatte und ihre Bestellung aufnehmen wollte. „Einen Latte macchiato, bitte. Mit Extra Sahne. Das brauche ich jetzt“ glitterte er die Dame an, dann schaute er auffordernd zu seiner Begleitung. Mit einem freundlichen Lächeln verschwand die Frau wieder und brachte kurz darauf die gewünschten Heißgetränke. Die Schokoladenaugen glitzerten. Oh, er liebte Kaffee! Das brauchte er nun wirklich! Er strahlte über seine Tasse hinweg in das Gesicht gegenüber.
Ein leises Kichern entwich ihm, als sich Julian sich anscheinend verbrannt hatte. „Immer schön langsam, Schätzchen. Es ist ganz heiß, du musst erst pusten.“ Was hatte er da eigentlich gesagt? Vince konnte es nicht sagen. Russisch? Oder Portugiesisch? Auf jeden Fall Europäisch! Und es war nicht die Sprache der Liebe. Wirklich, wirklich schade.
Etwas streifte sein Bein und der gute Herr zuckte augenblicklich zurück. Vermutlich missinterpretierte es der Besitzer der Beine, die ihn berührt hatten, vollkommen. Er hatte sich einfach nur erschrocken. Dieses Bein hatte dieses Schwein von Mann umgetreten. Darauf, dass es nur Beine waren und nicht Hände, die ihn zurückrissen, war doch niemand vorbereitet! „Nicht schlimm... ist ja nichts passiert.“ versicherte man abwinkend. Dieses Ereignis hatte ihn ganz schön aus seiner gewohnten Tageslaufbahn gebracht. Das musste er sofort twittern! Man kramte nach dem Smartphone, bis einem klar wurde, dass es wirklich unhöflich war, so etwas zum eigenen Prestige zu missbrauchen. Dabei war das doch überhaupt nicht seine Absicht. Es lassen sollte er es trotzdem.
„Furchtbar so etwas!“ er nickte eifrig und nahm einen beherzten Schluck des mit Schlagsahne versetzten Kaffees. Mit seinem Daumen strich er den Rest Sahne von seiner Oberlippe. Das war einfach viel zu klischeehaft! „Aber ich kann solche Verbrechen einfach nicht gutheißen! Dass Menschen die Würde ihrer Mitmenschen nicht respektieren... Das finde ich wirklich furchtbar.“ er lächelte aufmunternd „Aber jetzt sind wir ja sicher und geborgen.“ Zumindest hoffte er das. So sicher war er sich da auch nicht. Prüfend wurde ein Blick durch die Fenster zur Straße geworden. Doch dank der Spiegelung konnte man nur ein Dutzend Kaffeegenießer ausmachen und nur wenig von der Straße sehen.
„Oh-“ er wandte sich wieder dem Fragenden zu. Die Gedanken für die Antwort mischten sich mit den Gedanken bezüglich seiner Arbeit. Wenn es etwas gab, was Vincent wirklich beruhigte, dann waren es Stoffbahnen, die er dann und wann zu fantastulösen Kleidungsstücken zusammensetzte. Kleidung war wichtig! Gut angezogene Menschen waren wirklich wunderwunderschön. „Ich war wegen der Arbeit hier~“ die Begeisterung für seine Arbeit war nun beinahe greifbar, als er erzählte, dass er Besitzer einer kleinen aber nicht unwichtigen Männerbekleidungsboutique war, dass er Kleidung liebte und sich so seinen Lebenstraum erfüllt hatte. „... Und dann war ich bei einem Kunden, der dort lebt. Dass es Menschen mit Geschmack und Stilbewusstsein in solch einer Gegend gibt, komisch nicht? Aber er ist wirklich ein ganz feiner Herr! Und er sieht wirklich gut aus für sein Alter. Zwar nicht so mein Typ, aber ganz ansehnlich. Wirklich, wirklich.“
Dann legte sich seine Euphorie und er schaute Julian fragend an. Ihm fiel der fremdländische Akzent wieder ein. Der Junge schien wirklich nicht von hier zu sein. Und die Worte, die er gesagt hatte, als man ihm zur Rettung eilte. Nun, maßgeblich war er ein Stricher. Ein hoffnungsloser kleiner Schwänzelutscher. Huh! So was sollte eine Lady nicht denken! Er hatte bestimmt ein schlimmes Schicksal, eine traurige Geschichte. Das konnte doch niemand freiwillig tun. Nicht so jemand.
„Und was machst du hier? Ich meine du kommst doch aus Europa oder?“
„Und du hast da.... ähm...“ er nahm einen Schluck Kaffee, drehte dann die Tasse zwischen den Fingern. „... gearbeitet?“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Fr Dez 14, 2012 2:31 pm

Der junge Norweger fühlte sich hier doch recht fehl am Platze zwischen all den Menschen mit….nunja zu mindestens mit mehr Geld als ihm. Er konnte sie sehen, wie sie auf ihren Laptops herumtippselten oder gelangweilt auf ihre Smartphones starrten, während vor ihnen ihr überteuertes Kaffee kalt wurde. Julian wusste ganz genau, dass er sich das hier eigentlich nicht wirklich leisten konnte, aber den Konsequenzen konnte er jetzt auch nicht mehr aus dem Weg gehen, es würde nur ein weiterer beschissener Tag in einer langen Reihe von beschissenen Tagen werden. Er hatte keine Ahnung, was sein Gegenüber eigentlich von ihm dachte, ob er es mittlerweile bereute, solch eine abgerissene Gestalt länger als nötig mit sich herumgeschleppt zu haben. Nach außen hin wirkte er sicherlich sehr nett, aber das war nunmal einfach keine Garantie dafür, dass er zu sich selbst nicht ganz anders dachte. Immerhin war die Situation vorhin viel zu eindeutig gewesen, als dass er nicht wissen konnte, wen oder was er hier vor sich hatte. Müde nahm er einen weiteren Schluck Kakao, der sich mittlerweile ein wenig abgekühlt hatte. So gut wie er konnte lauschte er den Worten seines Gegenübers, anscheinend hatte er ein Thema angesprochen, auf das er gerne zu antworten schien. Die Begeisterung schwappte aus seiner Stimme zu ihm hinüber wie eine riesige bunte Welle. Es fiel dem Blonden ein wenig schwer, sich auf seine Worte zu konzentrieren, nicht, weil es ihn nicht interessiert hätte, sondern weil er sich mittlerweile doch erschöpft fühlte von den Strapazen des Tages. Er seufzte leicht neidisch auf, ja, Vince war ein Beispiel dafür, dass dieser American Dream wohl wahr werden konnte. Er beneidete ihn darum, dass er tun konnte, was er wirklich wollte, zu sehr hätte er sich gewünscht, dass er selbst von seiner Kunst leben könnte. Er wollte kein riesiges Haus, kein luxuriöses Leben, einfach nur tun können, was er liebte und damit über die Runden zu kommen. Vor ein paar Jahren hätte er in seinen kühnsten Alpträumen nicht erwartet, dass er sich irgendwann prostituieren müsste, um überhaupt etwas zu essen und ein schäbiges Dach über dem Kopf zu haben. Er schämte sich, jetzt, da er zwischen all diesen normalen Leuten mit ihrem geregelten Leben saß, umso mehr.
„Dann sieht er ja jetzt bestimmt noch feiner aus“, brachte er mit einem leichten Lächeln dazwischen ein, Vincent sollte nicht das Gefühl haben, dass er ihm nicht zugehört hatte. Und außerdem war es eh schwer gewesen, bei seinen begeisterten Worten irgendetwas einzuwerfen. Sein Gesicht verfärbte sich gleich einen Farbton roter, als das Gesprächs-thema sich auf einmal ihm und seinem Leben zuwendete. Er hielt einen Moment inne, kaute nervös auf seiner Unterlippe und blickte in den dampfenden Kakao, als könne er in dem süßen Getränk eine annehmbare Antwort für den Fremden finden. Er wusste nicht, wie viel er ihm wirklich erzählen wollte, sicher, er hatte ihm auch gerade seine halbe Le-bensgeschichte vor ihm ausgebreitet, aber es war eine Erfolgsgeschichte gewesen, so etwas hörte man sich lieber an als den Absturz eines naiven Waisenkindes. Und er war nicht einmal legal hier in den USA, woher sollte er also wissen, dass sein gegenüber es sich nicht doch noch anders überlegen würde und ihn doch verpfiff? Einen Moment lang blieb es still, bevor er sehr vorsichtig zum Sprechen ansetzte.
„Ja, ich komme aus Norwegen, aber ich bin jetzt schon seit….“
Er legte leicht den Kopf schief, während er überlegte, die letzten Jahre waren längst zu einem großen, unerfreulichen Klumpen verschmolzen.
„….seit vier Jahren hier. Ich dachte, hier hätte ich mit meiner Kunst etwas mehr Chancen, aber da hab ich mich geirrt“, antwortete er schließlich mit einem beinahe verschwindenden Lächeln, den Kopf leicht hebend und in Vincents Augen schauend. Bei der nächsten Frage ließ er den Kopf allerdings schnell wieder sinken. Er spürte, wie ihm die Hitze in den Schädel stieg. Schauten ihn etwa alle schon an, wussten sie alle schon Bescheid? Selten hatte er sich in der Öffentlichkeit so unwohl gefühlt.
„Das ist keine Arbeit“, presste er leise hervor.
„Das ist einfach nur demütigend.“
Er winkelte die schlanken Beine leicht an, die Arme darum herumschlingend. Den etwas angesäuerten Blick des Kellners ignorierte er getrost. Er merkte, wie ihm die Nähe des anderen zusehends unangenehmer wurde, und er schnappte hastig nach seiner Tasse, einige Schlucke trinkend, bevor er es wagte, weiterzusprechen.
„Ich wüsste nicht, woher ich mein Geld sonst bekommen sollte, und…..es ist nicht so ein-fach, wieder auszusteigen“, murmelte er, den Blick noch immer von Vincent abgewandt. Er wollte nicht so etwas wie Abscheu in seinem Blick lesen wollen, deshalb vermied er ihn einfach ganz. Für einen Moment herrschte Stille, Julian leerte seine Tasse nur mit einigen Zügen, das nötige Geld dafür aus seiner Hosentasche kramend, bevor er sich hastig seine Jacke schnappte.
„Ich sollte vielleicht besser gehen.“
Nach Hause. In seine winzige Wohnung, die selbst mit all seinem Aufwand kaum sauberzuhalten war. Nicht in dieser Wohngegend. Er legte das Geld auf den Tisch, griff mit fahrigen Fingern nach Mütze und Handschuhen.
„Noch einmal vielen Dank für die Hilfe. Ich-….Es…Das war wirklich nett“, brachte er stotternd zustande, bevor das halbe bleiche Gesicht schon hinter einem dicken Schal verschwunden war.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Sa Dez 15, 2012 12:14 am

Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, bemerkte er die Wellen, die er in dem stillen Gemüt Julians ausgelöst hatte. Dabei hatte er sich bemüht ein akzeptables Wort zu finden, was die Situation, in der sich der Blonde befunden hatte, nicht beschönigte oder irgendwie verurteilte. Dieser unfreiwillige Zwang etwas zu tun – da passte arbeiten doch. Das zumindest hatte sich der modebewusste Herr erhofft. Augenscheinlich hatte er aber für eine unangenehme Spannung zwischen ihnen gesorgt. Seine Direktheit war wohl ein wenig zu viel für den ersten Smalltalk. Er war es gewohnt, dass man ihn schief anschaute, wenn man Fragen stellte, vor denen sich die meisten genierten. Zugegebenermaßen das war auch das erste Mal, dass er einen Stricher rettete und im Allgemeinen hatte er nicht viel mit Prostitution zu tun. Sicher, es war bekannt, was es damit auf sich hatte, aber die Gesichten waren alle im Kern die gleichen. Im Grunde hatte er nur etwas aus dem in sich gekehrten Herren herauskitzeln wollen. Dem zunehmenden Rotton der Wangen nach zu urteilen schien er einen wunden Punkt getroffen zu haben. Vince blinzelte. Das war doch überhaupt nicht seine Absicht gewesen. Nicht, dass sich Julian jetzt schlecht fühlte, weil er ihn gerade mit seiner oskarreifen Erfolgsstory vollgequatscht hatte. Seine Art war es nun mal, dass er seinen Mund nicht halten konnte und sein Lieblingsthema war nun einmal seine kleine Modewelt. Einige Augenblicke schaute er Juliens Zähnen dabei zu, wie sie seine Unterlippe malträtierten.
Er kam also aus Norwegen? Alles, was er damit verband war, dass es kalt war und dass sie dort angeblich eine ganz hervorragende Energiepolitik führten. Aber es war so unendlich weit weg. Wie er wohl den Atlantik überquert hatte? Mit seinen Eltern? Immerhin schien er noch ziemlich jung zu sein. Siebzehn vielleicht auch achtzehn. Aber, wenn er seit vier Jahren hier war? Hatte er sich schon die ganze Zeit über auf der Straße anbieten müssen? Vince stockte der Atem. Betroffen wand er den Blick ab, starrte in die sich längst aufgelöste Sahne seines zuckersüßen Latte. Wie furchtbar. Welche Eltern überließen ihr Kind den solchen Umständen? Das war ein unfassbarer Gedanke, eine Vorstellung, die er sich nicht denken konnte, wo er doch ein intaktes und behütendes Elternhaus genossen hatte. Der Dunkelhaarige schluckte. Ob er etwas tun konnte? Doch, er besaß genug Empathievermögen, um zu wissen, dass niemand wirklich froh darüber war, wenn man einen derart bemitleidete. Man sollte es nicht ignorieren, doch was brachte es Julian schon, wenn Vince jetzt auch noch zu verstehen gab, dass die vier Jahre hier in der Stadt der gespürten Alpträume, unfassbar schlimm gewesen sein mussten, dass das Leben des jungen Norwegers im Grunde nichts Gutes an sich hatte. Vermutlich würde er sich dann nur abgestoßen fühlen, die Verurteilung des angeblich Höhergestellten erwartend. Dabei war alles, was in den getrübten braunen Seelenspiegeln zu erkennen war tiefstes Beileid und eine begründete Sorge. Die schmalen Finger zuckten leicht, er wollte seine Hand nehmen und ihm sagen, dass es ihm leid tat. War sich aber nicht sicher, ob er überhaupt das Recht dazu hatte.
Der Blick war an das abgewandte Gesicht geheftet. Was wohl in ihm vorging? Ob er sich schämte, hier in diesem Café? Ob er sich schämte ihm gegenüber zu sitzen? Ob er sich schämte, in der Schuld eines Erfolgreichen zu stehen? Vincent starrte ins Leere. Ob er wirklich solche Komplexe in dem armen jungen Mann hervorgerufen hatte, den er einfach aus Homosolidarität gerettet hatte? Wieso musste das Leben einer Vorzeigeschwuchtel nur so unglaublich anomal ablaufen? Er war doch gar nicht so anders. Julian war doch gar nicht so anders.
„Oh-“ tonlos öffnete er die Lippen und schaute auf, als sich der Gelockte ruckartig erhob. War er etwa so verärgert, dass einfach gehen wollte? Vince blinzelte verwirrt. „Äh- keine Ursache. Das war doch selbstverständlich...“ antwortete er, lächelte milde. Viel zu spät realisierte er, dass man ihn jetzt verließ. Die Tür schlug hinter dem Gekränkten zu. Wo wollte er denn hin? Es war kalt draußen. Vince klaubte alles zusammen und legte das Geld einfach auf den Tisch, warf sich den Mantel über die Schulter und eilte an die Abendluft. Links. Rechts – er fand den schmalen Norwegen unweit den Bürgersteig entlang. „Julian, warte!“ rief man und mit schnellen Schritten holte man auf, legte die Hand auf die Schulter des Fliehenden.
„Wo willst du denn hin?“ der Blick war mitfühlend „Komm, steig zurück ins Auto. Wir fahren zu mir. Du brauchst eine Dusche!“ er seufzte „Mir ist nicht wohl dabei, zu wissen, dass du wieder durch diese Gegend läufst. Bitte, lass mich dir doch helfen. Als Wiedergutmachung für meine Unhöflichkeiten.“
Er konnte doch keinen Hilfsbedürftigen einfach auf der feuchten Straße zwischen Dreck und Schnee zurücklassen.
„Danach kannst Du immer noch verschwinden, okay?“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mo Dez 17, 2012 10:19 pm

Julian wusste nicht, warum die Worte des anderen ihn so hart getroffen hatten, normalerweise war der junge Norweger nicht so schnell aus dem Konzept zu bringen, aber er hatte sich einfach unglaublich unwohl gefühlt. Er konnte einfach nur hoffen, dass Vincent ihm seine übereilte Reaktion ihm Nachhinein nicht zu übel nehmen würde, aber um jetzt noch mal umzudrehen und sich zu entschuldigen fehlte ihm dann doch der Mut. Er war dem jungen Mann nicht böse gewesen, weil er geschwärmt hatte, immerhin hätte er sich selbst sicherlich auch so verhalten, wenn er es mit seiner Kunst wirklich geschafft hätte. Es zeigte nur Begeisterung, und dem Lockenkopf war der Dunkelhaarige auch nicht überheblich vorgekommen. Aber trotzdem hatte er es in seiner Nähe kaum noch aushalten können, und nun war er wieder alleine. Wirklich Angst hatte er nicht, wenn er nicht gerade von einem unersättlichen Freier belästigt wurde, war diese Gegend nicht allzu gefährlich, außerdem war er viel zu sehr in Gedanken versunken, um sich wirklich Sorgen zu machen. Mit einem genervten Seufzen trat er etwas Müll beiseite, der vor ihm auf der Straße lag, sah der Dose dabei zu, wie sie über den Gehweg kullerte. Vincent hatte sicherlich sehr hart dafür gearbeitet, dort zu sein, wo er nun mal war. Aber er hatte es doch auch versucht, er war sogar nach Amerika gekommen, er arbeitete so hart, wie es ihm möglich war und legte jeden Penny beiseite, den ihm sein Zuhälter nicht aus der Tasche zog. Und dennoch hatten manche Leute mehr Glück als andere. Die Schritte des Jüngeren wurden etwas langsamer, beinahe wollte er wieder umdrehen und sich bei Vincent für sein Verhalten entschuldigen. Auch, wenn er ihn vermutlich niemals wiedersehen würde, er hatte es verdient, dass er sich vernünftig von ihm verabschiedete. Umso erschrockener war er, als er auf einmal jemanden seinen Namen rufen hörte. Reflexartig zog er den Kopf leicht zwischen die Schultern, blickte dann allerdings neugierig und fragend auf. Dass es nun sein Retter war, der ihn doch noch einmal wieder einholte, damit hätte er nicht gerechnet, aber er war recht erleichtert, denn viele Leute sonst kannten seinen Namen nicht, und noch viel weniger davon wollte er jetzt sehen. Zögerlich drehte er sich um, wusste er immerhin nicht ganz genau, was der Dunkelhaarige von ihm wollte, vielleicht hatte er aus Versehen zu wenig Geld dagelassen? Solche und ähnliche unangenehmes Gedanken spukten durch seinen Kopf, als die schmale Gestalt näher kam. Schuldbewusst blickte er ihm entgegen, stutzte allerdings, als er den besorgten Blick erkannte. Sorge….um ihn? Hatte er die Situation möglicherweise völlig falsch eingeschätzt, und man wollte überhaupt nicht auf ihn hinabblicken? Hier draußen fühlte er sich zu mindestens etwas wohler als drinnen im Café, hier hatte er Luft und Platz um sich herum, keine Augen, die von ihren teuren Laptops aufblickten und ihn verurteilend anstarrten. Hier draußen waren nur er und Vincent, der irgendwie viel zu besorgt aussah. Warum kam er ihm noch einmal hinterher, warum kehrte er nicht in sein zufriedenes kleines Leben zurück und ließ Julian Julian sein? Bis jetzt hatte sich noch niemand so sehr um ihn bemüht, und die blauen Augen starrten seinen Gegenüber verdutzt an.
„Du willst mich wirklich mitnehmen?“, fragte er, konnte es immer noch nicht so recht glauben. Die meisten Menschen hätten vermutlich Angst gehabt, dass er ihnen die ganze Wohnung leer räumte, immerhin konnte man es ihnen fast nicht verübeln, über Stricher dachte man nun mal nicht gut. Aber der Norweger war viel zu gutmütig, und umso mehr ärgerte er sich jetzt, dass er sich dem Fremden gegenüber so unfair verhalten hatte, dass er sich jetzt selbst Schuldgefühle machte. Hastig schüttelte er den Kopf.
„Nein, du warst nicht unhöflich, ich war heute nur irgendwie empfindlich“, versicherte er ihm, leicht seinen Unterarm berührend. Ehrlich gesagt klang eine warme Dusche gar nicht mal so schlecht, zuhause erwarteten ihn eh nichts anderes außer leerer Leinwände und dieselbe klamme Trostlosigkeit wie immer. Warum also nicht auf das nette Angebot eingehen.
„Ich würde gerne mitkommen“, nickte er bestimmend, erleichtert, als der Ausdruck in dem Gesicht des Älteren sich wieder etwas zu glätten schien, weniger besorgt wirkte. Schon mit etwas leichterem Herzen folgte er ihm zurück zu seinem Auto, den Schnee betrachtend, der unter seinen Füßen bereits zu schmelzen begann. Weihnachten war schon in zwei Wochen, hoffentlich würde das Weiß bis dahin wenigstens bleiben. Seit er mit sechzehn hierher gekommen war, hatte er zwar kein richtiges Weihnachten mehr gefeiert, aber er wollte sich dieses Jahr wenigstens eine winzig kleine Tanne kaufen. Zum Glück sprang die Heizung in Vincents Auto schnell an, und Julian konnte sich noch etwas tiefer in den Sitz drückend, die Wärme genießend.
„Und es macht dir nichts aus, so einen wie mich einfach mit nach Hause zu nehmen?“, fragte er ein klein wenig verunsichert, aber das schien nicht der Fall zu sein, denn man warf ihn nicht aus dem Auto, nein, im Gegenteil, der Botiquebesitzer nahm ihn trotzdem mit zu sich nach Hause. Die Gegend war natürlich etwas besser, als dort, wo er wohnte. Aus einem kurzen Impuls heraus fragte er sich, ob der Dunkelhaarige einen Freund hatte. Aber dann würde er wohl nicht einfach so irgendwelche Stricher mitschleppen können, oder nicht? Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als der Wagen hielt, Julian war doch ein klein wenig gespannt, wie Vincent denn wohl wohnte. Ein wenig hatte er sich auf eine prunkvolle, moderne Wohnung eingestellt, aber in der Tat wohnte er viel angenehmer. Die Räume wirkten ein wenig zu voll für ihre Größe, überladen mit Möbeln und anderem Kram. Eigentlich viel zu viel. Julian liebte es. Genau so musste eine belebte Wohnung für ihn aussehen. Ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht, während er das warme Licht und die Wärme genossen, die ihm entgegenschwappten.
„Du hast eine tolle Wohnung!“, stieß er aus, beinahe etwas zu begeistert, aber wenn ihm etwas gefiel, dann konnte er das nur schwer verbergen. Neugierig ließ er den Blick schweifen, erinnerte sich dann allerdings daran , weshalb er mit hierhergekommen war. Er wurde ein klein wenig rot um die Nase, sich ein wenig für seine Überschwänglichkeit schämend, und dass er sofort jede Ecke unter die Lupe genommen hatte.
„Wo ist denn das Bad?“, fragte er etwas kleinlaut, mit einem schüchternen Lächeln. Das Badezimmer war ebenfalls nicht besonders groß, aber seine Füße konnten den warmen Boden fühlen, und die Vorfreude auf eine warme Dusche war viel zu groß. Er bedankte sich noch eifrig bei Vincent, bevor er schnell die kalt-nassen Klamotten auszog und unter das warme Wasser trat. Er stieß einen zufriedenen Seufzer aus, hier blieb das Wasser sogar die ganze Zeit gleich warm, und wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er Stunden unter dem angenehmen Strahl verbringen können, und er schloss seufzend die Augen. Kurz war ihm, als würde er Schritte hören, aber das milchige Glas der Duschtür zeigte ihm nichts. Etwas zögerlich schnappte er sich eine der zahlreichen Fläschchen und Tuben, die auf der Ablage standen, irgendetwas, das wie Duschgel aussah, und hoffte, dass Vincent ihm das nicht übel nehmen würde. Er stand sicher eine halbe Stunde unter der Dusche. Eigentlich viel zu lange, immerhin war es unhöflich, einen Gastgeber so lange warten zu lassen. Etwas wehmütig stellte er das Wasser wieder ab, sich schnell das Handtuch schnappend, das vor der Dusche hing, sich in das weiche Frottee hüllend und aus der Dusche steigend. Obwohl seine Haare noch nass waren, begannen sie bereits jetzt sich zu kräuseln und in ihre eigentliche lockige Struktur zurückzufallen. Er wollte sich gerade nach seinen beiseite geworfenen Sachen bücken, als er merkte, dass die Sachen verschwunden waren, und Vince ihm anscheinend frische Kleidung hingelegt hatte. Er wurde erneut leicht rot um die Nase, sich neugierig die Kleidung betrachtend. Zum Glück war der Dunkelhaarige kaum größer als er selbst und von ähnlicher Statur, wenn der Norweger auch sicherlich noch ein wenig hagerer war. Die Sachen rochen angenehm nach frischer Wäsche, und da ihm eh keine andere Möglichkeit blieb, schlüpfte er schnell in die fremde Hose, sich die Socken überziehend. Mit dem etwas zu großen Shirt in der Hand huschte er ins Wohnzimmer hinüber, wo er Vincent werkeln hörte.
„Hast- Hast du meine Sachen genommen?“, fragte er etwas unsicher, sich daran erinnernd, wo er sich eigentlich befand, und hastig das Shirt über seinen schlanken Oberkörper ziehend. Er schenkte ihm ein etwas verunsichertes Lächeln, bevor er sich in einen bequemen, tiefen Sessel fallen ließ, die Beine anwinkelnd.
„Gut, dass mir deine Sachen passen“, fügte er hinzu, sein Gesicht leicht in den Stoff des Kragens drückend. Es roch wirklich gut. Seine Finger trommelten leicht unruhig auf seinem Knie, bevor er sich durch die nassen Haare fuhr, fragend zu Vincent aufblickend.
„Ich hab was von deinem Duschgel benutzt, ich hoffe, das war in Ordnung?“, fragte er, und zog die Augenbrauen etwas beunruhigt zusammen.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Dez 18, 2012 5:49 pm

Vincent hoffte wirklich, dass sich Julian dazu bereit erklärte, mitzukommen. Er konnte es nicht mit seinem regenbogenfarbenen Engelsgewissen vereinbaren, einen so unschuldigen jungen Mann bei diesem Wetter auf der Straße zu lassen. Es war bereits dunkel und hier trieben sich sicherlich genug Kleinkriminelle und besoffene Schlägergangs herum. Und bei aller Liebe – Julian machte wirklich nicht den Eindruck, als könne er sich selbst verteidigen. Sein schokoladenbrauner Blick suchte eine Antwort in den leicht überrumpelten Zügen ihm gegenüber. Vince konnte sich gut vorstellen, dass der Blonde berechtigte Zweifel hatte. Aber er meinte es wirklich nur gut in seiner Besorgnis, hoffentlich kam das jetzt nicht wieder vollkommen missverständlich rüber. Eine ernst zu nehmende Gefahr konnte er sowieso nicht darstellen. Und ein schmieriger Freier war er auch nicht. Er schüttelte den Gedanken sofort wieder ab. Absurd, absurd. Nein, nein, er war ein ehrlicher und liebevoller Gastgeber, der gerne einem einsamen Schäfchen einen schönen Abend schenken wollte. Außerdem waren sie jetzt quasi so etwas wie Schlachtbrüder, Helden, die gemeinsam einen bösen Dämon in die Knie gezwungen hatten, oder so etwas. „Sonst hätte ich es dir doch nicht angeboten~“ winkte er ab und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln. Vielleicht wirkte er viel zu aufdringlich? So, als wolle er unbedingt, dass Julian tat, was Vincent von ihm wollte! Das Lächeln wurde zurückgenommen. „Natürlich nur, wenn du es willst...“ fügte man eilig hinzu, damit man formal signalisierte, dass er keine bösen Absichten hatte.
Auch, wenn man ihm seine Unhöflichkeiten verneinte, so konnte der Dunkelhaarige das nicht so ganz glauben. Sie waren einfach beide von ihrem anständigen Gewissen geplagte Regenbogenseelen. Also war das ganze doch ein wunderbarer Kompromiss, der beiden eine ruhige Nacht voller Einhornträumchen schenken würde! Mit der Bestätigung glätteten sich auch die Sorgenfalten auf der reinen Stirn, ein erleichtertes Lächeln tauchte wieder auf. Julian hatte ihm also zugesagt. Aus einem tiefen inneren Impuls heraus freute ihn das wirklich! Dabei kannten sie sich nur flüchtig. Und irgendwie verstieß das alles ein bisschen gegen die gewohnten Normen der Konventionen. Doch es fühlte sich richtig an, irgendwie gut. „Wunderbar“ kam es enthusiastisch über die blassen Lippen „Dann lass uns direkt los, sonst frieren wir noch fest.“
Kurze Zeit später befand sich der schwarze Mini auf dem Weg in die Stadt, in die etwas nobleren Wohngebiete. Die schäbigen Straßen hatte man hinter sich gelassen und wurde nun von den lichtgefluteten Werbebannern und dem abendlichen Menschenaufkommen mit dem Leben der Großstadt begrüßt. Hier ging das Leben seines Weges, so, als könne nichts es trügen, als gäbe es überhaupt keine Schatten zwischen den hohen Häusern. Hier schien sich nichts und niemand klein kriegen zu lassen. Auf die Frage seines Beifahrers hin hob er eine Augenbraue und schaute kurz zu seiner Rechten „‘So einen wie dich‘?“ er stieß belustigt Luft aus. „Du bist genauso ein Mensch wie ich, oder nicht? Also, warum sollte ich dir von vornherein Dinge unterstellen? Ich hab genug mit Intoleranz zu kämpfen, da muss man doch gegen halten.“ Die Musik trällerte unbeirrt weiter, während der Wagen durch das hellerleuchtete New York fuhr.
Nachdem Vince geparkt, seine Sachen geholt und abgeschlossen hatte, winkte er seinen Gast in ein mehrstöckiges Apartmenthaus und tänzelte vor ihm in den dritten Stock. Der Schlüsselbund klimperte zwei Mal, als man die Tür mit einer eleganten Bewegung aufschloss. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich Besuch kriege, dann hätte ich sicher etwas aufgeräumt.“ warnte der Braunäugige und schob die Tür auf. Hoffentlich fühlte sich der kleine Fremde nicht unwohl in der fremden Wohnung. Vince knipste das Flurlicht an, warf einen kurzen Blick in den Spiegel neben der Garderobe und bestätigte sich selbst, dass er noch nicht vollkommen abgenutzt vom Tag aussah. Er lächelte sein Spiegelbild an und richtete sich aus Gewohnheit die Haare. Der Lockenschopf war längst an ihm vorbei in den Wohnbereich gelaufen und schien sich nicht lang genug die einzelnen Dinge, die den Raum gemütlich ausfüllten, anschauen zu können. „Willkommen bei Mr. Collister“ meinte man, als man Schlüssel und Portemonnaie auf die kleine Kommode an der Wand ablegte. Die Wohnung war mit ihren drei Zimmern nicht sonderlich groß und es gab kaum freie Fläche. Tischchen, Sessel, Schränke oder gerahmte Bilder ließen von den Tapeten wenig übrig. „Es gefällt dir also?“ Die Erleichterung in der eigenen Stimme konnte selbst er hören. Ein schönes Ambiente machte sehr viel aus und er wollte ja den Jungen nicht verschrecken.
„Oh-“ Vince erinnerte sich an seine Worte, dass er eine warme Dusche versprochen hatte. Immerhin musste man sich ja von den Überresten des widerlichen Schweißes dieses rüpelhaften Freiers befreien, den Schmutz seiner Hände vom Körper abwaschen. Wer wusste schon, was die beiden Männer getrieben hatten? Der beherzte Braunhaarige schüttelte sich leicht – er wollte sich das eigentlich nicht so genau vorstellen müssen, doch sein Kopfkino schien Tag der offenen Tür zu haben. „Komm, ich zeig‘s dir“. Das Bad lag neben dem Schlafzimmer und war sowohl mit dem Wohnbereich als auch mit dem zum begehbaren Kleiderschrank umfunktionierten Abstellraum verbunden. Außer dem standardgemäßen Badezimmerinventar befand sich nur eine Fußbodenheizung in dem kleinen Raum. „Wenn du was brauchst, dann frag einfach, okay?“
Kaum hatte er den Blonden zum Duschen allein gelassen, huschte man ins Schlafzimmer, warf den Mantel achtlos auf das Doppelbett und öffnete ein paar Schubladen. Julian konnte doch nicht wieder in seine benutzte Kleidung schlüpfen, wenn er frisch geduscht und wohlriechend aus der Dusche kam. Er kramte Socken, Shorts, eine ältere Jeans und ein schlichtes Basic-Shirt heraus. Es würde schon passen, immerhin kannte er sich mit so etwas aus. Leise klopfte er an die Badezimmertür, aber Julie schien ihn unter der Dusche nicht gehört zu haben. Ohne sich groß Gedanken zu machen, schlüpfte er in das Bad und sammelte die abgelegte Kleidung auf und legte die neue auf das kleine Schränkchen neben der Tür. Einen verstohlenen Blick zur Dusche konnte er sich trotzdem nicht verkneifen, sehen konnte man aber sowieso nichts. Was hatte er auch erwartet? Mehr als einen nackten Kerl hätte er nicht gesehen. Lautlos schloss sich die Tür wieder hinter sich und überließ den Duschenden sich selbst.
Man begab sich in die Küche, warf die Waschmaschine an und öffnete dann den Kühlschrank. Leise vor sich hinsummend machte er sich an die Zubereitung eines einfachen Abendessens. Wenn er nur gewusst hätte, dass er nicht allein essen würde, dann hätte er sicherlich irgendetwas ganz Fabelhaftes gezaubert. Nun musste sich sein unerwarteter Gast mit einem einfachen gemischten Salat zufriedengeben.
Man sammelte gerade das Besteck aus der Schublade, als die Badezimmertür aufging. „Die hat eine kleine Fee in die Waschmaschine gezaubert~“ meinte er über die Schulter gewandt und schloss die Schublade mit einem Hüftschwung. Seine Augen musterten den frisch geduschten jungen Herrn einmal von oben bis unten. Es war einfach eine gewohnte Manier. Er sah etwas abgemagert und sein Brustkorb war übersäht mir dunklen Spuren, die von Schlägen oder anderweitiger Gewalteinwirkung zeugten. Wurde er wirklich so misshandelt? Und wer war dafür wohl verantwortlich? Einer dieser widerlichen Freier? Oder hatte Julie so etwas wie einen Zuhälter? Er seufzte und blinzelte, als Julie sich das Shirt überzog. Auf den ersten Blick war er gar nicht mehr so schmuddelig, wenn man ihn so ansah. Er sah aus, wie ein Schüler von der Highschool. „Sonst müsstest du nackt rumlaufen? Ich hab dafür doch ein Auge, Schätzchen. Das ist mein Beruf“ lachte er freundlich und durchquerte den Raum und huschte in den Nebenraum, wo er weiter den Tisch deckte. Da Wohnzimmer und Esszimmer durch einen großen Durchbruch verbunden waren, konnte er zusehen, wie es sich da ein gewisser Jemand in den Sesseln gemütlich machte. „Wie willst du denn sonst duschen?“ er schüttelte den Kopf über diese niedliche Naivität und stützte sich auf die Lehne des Sessels. „Ich hoffe du hast Hunger?“
Vince wandte sich wieder ab und setzte sich an den Esstisch. „Ähm- wenn du gehen willst, dann musst du warten bis deine Sachen fertig sind, oder du behältst meine an und holst sie morgen dann irgendwann nach der Schule ab.“ Für Vince war es selbstverständlich, dass Julian noch fleißig die Schulbank drückte und sich danach mit seinem ‚Gewerbe‘ beschäftigte. „Oder aber, du bleibst über Nacht...“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Dez 18, 2012 8:03 pm

Julian blickte auf, er hatte gar nicht damit gerechnet, dass Vincent auch noch eine Kleinigkeit für ihn zu essen gemacht hatte, und er fühlte sich beinahe ein wenig unwohl dabei, dass er ihm so viele Umstände machte. Hoffentlich sah er sich nicht irgendwie dazu gezwungen, all das für ihn zu tun, immerhin hatte er heute schon mehr als genug getan. Er zupfte leicht an den Ärmeln seines Oberteils, froh darüber, dass die Kleidung die Spuren seines alltäglichen Horrors wieder überdeckte. Er hatte gar nicht darüber nachgedacht, dass er nicht gerade unberührt aussah, und er hatte das ungute Gefühl, dass sein Retter einen kurzen Blick auf all die blauen Flecken hatte erhaschen können. Aber jetzt war es auch zu spät, und wenn er daraus seine Schlüsse gezogen hatte, dann hatte er dazu nichts mehr gesagt. Was hätte er auch sagen sollen, Julian war sowieso kaum in der Lage, sich einem ausgewachsenen Mann entgegenzustellen. Ändern würde alle Sorge auch nichts. Unterbewusst schlang er die Arme um seinen Brustkorb, kurz abwesend in die Ferne starrend, bis er bemerkte, dass Vince sich an den Esstisch gesetzt hatte. Eilig sprang er auf, sich zu ihm gesellend und überzeugt nickend. Er bekam nicht ganz so regelmäßig etwas zu essen, wie es gesund gewesen wäre, und der Salat sah wirklich lecker aus, sodass ihm ein leichtes Magenknurren entwich. Er wurde leicht rot um die Nase, seinen Gegenüber entschuldigend anblinzelnd.
„Tut mir leid, ich hab heute nur gefrühstückt“, nuschelte er, bevor er die Schüssel eilig zu sich hin zog und sich einen großen Löffel Grünzeug auf seinen Teller schaufelte. Sicher konnte das seinen Hunger nicht vollkommen befriedigen, aber zusammen mit dem Brot vertrieb es wenigstens seine Bauchschmerzen und sorgte für ein angenehmes Gefühl. Er schenkte Vincent ein zufriedenes Lächeln, sich mit der Zunge über die Lippen fahrend.
„Das war sehr lecker, vielen Dank.“
Nur, weil man so gut wie auf der Straße lebte, musste man seine guten Manieren ja nicht vergessen. Der junge Mann fühlte sich beinahe etwas schlecht, weil er all die Nettigkeiten so gar nicht revanchieren konnte, er hatte ja kaum Geld, und zu sich nach Hause wollte er jemanden wie Vincent auch nicht einladen, er hätte sich dort wohl nur geekelt, so wie er selbst auch. Er blickte den Dunkelhaarigen unentschlossen an, bis seine Wäsche fertig war, dauerte es doch sicher noch eine halbe Ewigkeit. Die nächsten Worte ließen ihn allerdings verdutzt blinzeln.
„Nach der Schule? Ich bin zwanzig, ich geh schon lange nicht mehr zur Schule“, erklärte er Vincent mit einem nachsichtigen Lächeln. Er wusste, dass er nicht so aussah, als wäre er bereits zwanzig Jahre aus, er sah locker zwei oder drei Jahre jünger aus, aber das gefiel den meisten Freiern ja so, dass sie so junges Fleisch unter sich hatten und wenigstens nicht völlig in die Illegalität abrutschten. Vincents Fehleinschätzung war also wohl gerechtfertigt und er nahm es ihm nicht übel.
Dann jedoch sah er verunsichert auf. Natürlich, ihm war den ganzen Tag über mehr als bewusst geworden, dass Vincent ihm wirklich nur helfen wollte, dass er viel mehr tat, als man von einem wildfremden Menschen erwarten konnte, aber ihn nun auch noch hier schlafen lassen? Nein, sicher dachte er da mehr hinein, als es eigentlich war, er würde ja immerhin auf der Couch oder im Gästezimmer schlafen, und nicht in Vincents Bett. Für einen Moment dachte er sogar, dass er das gar nicht so schlimm gefunden hätte, aber bestimmt war das nur die kleine Verzweiflung in jedem Single, denn obwohl Julian viel ungewollten Sex hatte, alleine war er trotz alledem. Wieder drängte sich ihm die Frage auf, ob Vincent wohl einen Freund hatte. Sicher war er ein guter Fang und auch ein super Partner, aber wenn er sich so in der Wohnung umblickte, hatte er keine Anzeichen für irgendeine Person finden können, die ihm irgendwie nahestehen könnte. Keine Bilder oder eine zweite Zahnbürste oder so etwas in der Art.
Er schnappte erschrocken nach Luft, er war so sehr in seinen Gedanken versunken gewesen, dass er Vincent sehr lange auf die Antwort hatte warten lassen, und wiegte den Lockenkopf unschlüssig hin und her. Jede Nacht, die er nicht in seiner doofen Wohnung verbrachte, war eigentlich ein Gewinn. Und wenn man es ihm denn schon anbot…..
„Wenn dir das nicht zu viele Umstände macht, würde ich gerne bleiben“, antwortete er schließlich mit einem vorsichtigen Lächeln, ihn fragend anschauend.
„Ich schlaf auch auf der Couch, und ich kann morgen früh verschwinden, bevor du zu Arbeit musst, damit ich dich möglichst wenig störe!“, beeilte er sich hinzuzufügen, immerhin sollte Vincent nicht das Gefühl haben, dass er ihn länger als unbedingt nötig an der Backe haben würde. Er erhob sich, half seinem Gastgeber wenigstens dabei den Tisch abzuräumen, damit er sich etwas weniger vorkam wie ein fauler Gast. Zum Glück machten zwei Leute nicht viel Dreck, sodass sie schnell alles weggeräumt hatten und sich im Wohnzimmer wieder in die weichen Sessel schmiegen konnte. Im Hintergrund lief irgendwelche Musik und Julian fühlte sich beinahe ein wenig schläfrig.
„Ich weiß gar nicht, wie ich mich für deine Hilfe revanchieren soll, alles was ich anbieten kann ist-„
Er hielt mitten im Satz inne, knallrot im Gesicht werdend, als er realisierte, was er da eigentlich genau hatte sagen wollen. Er schluckte leicht seine Scham hinunter, nuschelte irgendetwas unverständliches zu Ende, bevor er es wieder wagte den Blick zu heben.
„Naja, du weißt schon….“, fügte er unsicher hinzu. Vermutlich war er schon viel zu lange in dieser Branche tätig, als dass er dieses Denken so leicht ablegen konnte.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Dez 18, 2012 11:48 pm

Vince schaute in die Richtung, aus der sich Julie zu ihm gesellte. Er mochte es wirklich gerne Leute um sich zu haben. Obwohl die Wohnung so unglaublich heimelich und gemütlich war, war sie nur von ihm bewohnt. Zwar bekam er auch ab und an Besuch von Freunden und Bekannten aber er war jahrelang immer in einem belebten Haushalt aufgewachsen und brauchte einfach die soziale Nähe zu anderen menschlichen Individuen. Daher mochte er es auch, dass Julie ihm Gesellschaft leistete. Großzügig tat er dem Gast auf und gab sich selbst nur wenig – wirklich Hunger hatte er sowieso nicht und der knurrende Magen ihm gegenüber bestätigte nur seine Vermutungen, dass jemand heute noch nicht all zuviel zu sich genommen hatte. Mit der mütterlichen Sorge sah er dabei zu, wie sich die langsam gebildeten Locken leicht wackelten, wenn Julian kaute. Hoffentlich war das genug, in seinem Hause sollte keiner Hunger leiden müssen. Ein wenig aufgeregt stocherte er in den Tomaten und dem Mais herum. Ob der fremde Junge über Nacht bleiben wollte? Das würde ihn irgendwie freuen. Nicht, weil er dann wusste, dass es dem anderen gut ging, sondern auch, weil er es irgendwie wollte. In diesen wenigen Stunden, die sie sich nun kannten, hatte er das norwegische Geschöpf in sein großes Herz geschlossen. Vielleicht konnten sie ja Freunde werden? Wenn sie diese Differenzen des Erfolgs überbrückten und einfach den Menschen hinnahmen? Vielleicht.
„Tu dir keinen Zwang an, iss ruhig alles auf.“ schmunzelte man und schob sich dann die Gabel in den Mund. Es machte ihn irgendwie glücklich den Jüngeren so unbeschwert essen zu sehen. Diese befriedigende Dankbarkeit. Unweigerlich schweiften die Gedanken ab, wie es Julian sonst so erging. Was er frühstückte, wenn er nicht gerade von einem großzügigen Freier dabehalten wurde. Ob sein Leben überhaupt ein Leben war oder ob es nicht der Kampf ums nackte Überleben geworden war. Der Dunkelhaarige schaute seinem Gast aufmerksam zu. Wie er wohl antworten würde? Im Grunde war das doch alles, was man sich wünschen konnte. Ein warmes Zimmer, ausreichend Verpflegung, frisches Wasser und die schwuchteligste Gesellschaft generell und überhaupt. Ob der Blonde das alles auch so interessant – um es gelinde auszudrücken – fand wie er selbst? Oder fühlte er sich wieder eingeengt zwischen dem ganzen Wohlstand, den er nicht genießen konnte, weil er ein Dasein fristete, für das er sich schämte?
„Danke dir“ er fühlte sich wirklich geschmeichelt, dass Julie alles aufgegessen hatte und es ihm tatsächlich gemundet haben musste. Vince nahm einen Schluck Cola und putzte sich dann mit der Serviette den Mund ab. Es war nur angebracht, dass er jetzt direkt abräumte. Gerade als er seinen Teller abräumen wollte, blinzelte er wirklich überrascht. Skepsis spiegelte sich in seinem Gesicht, als er Julian eindringlich musterte. „Zwanzig...“ murmelte er und zog erstaunt darüber die Augenbrauen hoch. „Du siehst wirklich jünger aus.“ fügte er hinzu. Das durfte man ruhig als Kompliment verstehen. Bestimmt brachte ihm das bessere Chancen bei seinen Freiern. Warum musste er ausgerechnet jetzt an den Stricher in Julian denken? Das war ihm nicht fair gegenüber. Er konnte nicht wirklich was dafür. Vince seufzte und räumte dabei weiter ab, Julian ging ihm sogar zur Hand. So, als würde er sich schon heimatlich eingefunden haben. Gemeinsam ging der Abwasch schnell und gerade, als Vince das Abtrockentuch weglegen wollte, bekam er endlich seine Antwort. Ein goldenes Honigkuchenpferdgrinsen stahl sich in sein Gesicht und er konnte seine Freude gar nicht leugnen. „Du machst keine Umstände, Schätzchen. Keine Sorge“ winkte er glücklich ab. „Und stören tust du bisher auch nicht.“ er lachte leise „Ich hab dich gern hier, Julian.“
Der Braunäugige nahm zwei Gläser und eine Flasche Rotwein und folgte in die weichen Sessel des Wohnzimmers.
Als man das Wort an ihn richtete, sah er interessiert auf, lächelte. Doch die Worte, die bei ihm ankamen, ließen ihn schwer schlucken. Seine Wangen traten augenblicklich in Konkurrenz mit dem Rotwein. Hatte Julian gerade wirklich seinen Körper angeboten, für die ganzen netten Selbstverständlichkeiten? Man nahm beherzt einen großen Schluck Rotwein, schloss die Augen. „D-Du... mus-st dich für Ga-garnichts revanchieren...“ stotterte er und schaute schnell wieder weg. Warum hatte man ihm gerade dieses Angebot gemacht? Das war doch ein schlechter Scherz. Oder-? Die Gesichtsfarbe wurde schlagartig aschfahl. Glaubte Julie etwa, dass er all das getan hatte, um ihn ins Bett zu kriegen? Dass er ihn zu sich nach Hause gebracht hatte, damit sie in der Kiste landeten? Dass er ihm seine Klamotten und all die ganzen anderen Sachen gegeben hatte nur gemacht hatte, damit sich Julian ‚revanchieren‘ musste – mit seinem Körper? Vincent schluckte laut. Das war ihm nicht einmal im Traum eingefallen. „Denkst.... Denkst du, dass... dass ich das alles gemacht habe... damit... damit... damit...“ seine Stimme ertrank in dem nächsten Schluck Rotwein. Das war irgendwie wie ein kalter Schlag ins Gesicht. Seine Finger waren eiskalt.
„I-Ich... will nicht mit dir Sex haben...“ hauchte Vince und schaute ihn entsetzt an. Dann realisierte er, was er da überhaupt gesagt hatte. „Ich finde dich... nein... also... du bist nicht hässlich...“ stammelte er und ritt sich selbst nur weiter in das Dilemma. „ Ich... ich bin nur kein Freier...“ er schüttelte den Kopf. „Ich kann keinen Sex... mit.. dir... und mir... wegen... alldem...“ er stellte das leere Glas ab und raufte sich die Haare. „Ich- weiß... doch gar …. die Flecken... nein... Julian...“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Dez 19, 2012 4:32 pm

Etwas skeptisch beäugte Julian den Rotwein, den Vincent mit an den Tisch geschleppt hatte, er wusste, wie sich dieses Teufelszeug auf ihn auswirkte, er wurde bei einer etwas geringeren Menge schnell anhänglich, und alles, was über einen bestimmten Punkt hinausging, machte ihn unglaublich müde. Aber aus Anstand nippte er ebenfalls hin und wieder an seinem Glas, er wollte nicht unhöflich sein. Außerdem schmeckte der Wein ganz lecker, und ein Glas würde seine Toleranzgrenze schon nicht überschreiten. Dabei wünschte er sich gerade in diesem Moment, er hätte schon wesentlich mehr intus. Im ersten Moment hatte er gedacht, dass sein Gastgeber nur rot geworden war, weil ihm die Anspielung auf seinen Alltag unangenehm war, aber schon bei seinen nächsten Worten bemerkte Julian, dass er seine Worte schrecklich missverstanden hatte. Als könnte er dem Mann so etwas unterstellen! Vielleicht hatte er im ersten Moment kurz daran gedacht, als er ihm angeboten hatte, mitzukommen, aber schon ein paar Minuten mit ihm im Auto hatten ausgereicht, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber anscheinend schien Vince über alle Maßen bestürzt, dass er ihm so etwas überhaupt unterstellen könnte. Beschwichtigend hob er die Hände, versuchte irgendwie zwischen sein beschämtes Geplapper zu kommen.
„Was, nein, nein, das hast du falsch verstanden, sag doch sowas nicht!“, stieß er überrascht aus, das Weinglas in seiner Hand etwas fester umklammernd. Er hatte nicht gewollt, dass die Stimmung so schnell kippte, und jetzt hatte er seinen Retter mit seinen unüberlegten Worten völlig in Verlegenheit gebracht. Er vergrub die Hände in den blonden Locken, was war er auch so furchtbar dämlich? Was Vincent daraufhin allerdings noch sagte, ließ eine unterbewusste Enttäuschung in dem jungen Norweger ansteigen, natürlich hatte er nicht einfach so mit dem Dunkelhaarigen schlafen wollen, aber dass ihn der bloße Gedanke anscheinend so abstieß, war irgendwie verletzend. Der Gesichtsausdruck des Lockenkopfes wandelte sich langsam von peinlich berührt zu niedergeschlagen, und er senkte den Blick schließlich ganz, krallte die Finger in den Stoff der fremden Jeans.
„Wenn es nach mir ginge, hätte ich nicht nur mit Freiern Sex“, entgegnete er ihm gekränkt, sich dabei auf die Unterlippe beißend, wie immer, wenn ihn etwas beschäftigte. Vielleicht meinte er die Worte nicht so, aber jede Entschuldigung senkte die Laune des Blonden noch ein wenig mehr, und schließlich drückte er traurig das Kinn auf seine Beine, einige heiße Tränen hinunterschluckend. Er hatte immer gehofft, dass er irgendwann jemanden finden könnte, mit dem er eine Beziehung aufbauen könnte, aber waren normale Leute etwa wirklich so abgestoßen von ihm, weil er tat, was er nun mal tun musste? Irgendwie hatte er das nie in Betracht gezogen, aber nun schien es ihm nur umso offensichtlicher. Warum sollte jemand etwas von einem Stricher wollen? Immerhin konnte man nie ausschließen, ob er irgendwelche Krankheiten hatte, und vertrauenswürdig war er sicher auch nicht.
Die blauen Flecken hatte Vincent also doch gesehen. Sein Magen verkrampfte sich leicht, und für einen Augenblick wünschte er sich, er hätte doch nichts gegessen. Ihm war auf einmal furchtbar flau im Magen.
„Für die blauen Flecken kann ich doch nichts, das war mein Zuhälter. Ich finde die auch nicht besonders attraktiv“, presste er hervor, und fühlte sich mit einem Schlag furchtbar schäbig in der hübschen Wohnung. Er traute sich nicht, Vincent weiterhin in die Augen zu blicken, starrte weiterhin vehement auf den Teppichboden. Seit Jahren konnten die Blessuren kaum verheilen, bis man ihm wieder neue zufügte.
„Ich bin mehr als-…..Tut mir leid für das Missverständnis“, nuschelte er geknickt, sich das Kissen in seinem Rücken krallend und es beinahe malträtierend. Seine Lippen zitterten leicht, es fiel ihm schwer, Tränen zu unterdrücken, aber er wollte vor Vincent nicht noch jämmerlicher dastehen, als er eh schon war. Egal, wie dämlich und ungewollt seine Aussage auch gewesen war, war es denn so abwegig, dass er Interesse an jemandem wie Vince haben könnte? War es wirklich so vermessen? Beschämt blickte er auf die Tischplatte. Er wusste gar nicht, was er jetzt tun sollte, wie hatte er solche Worte auch seinem Retter gegenüber in den Mund nehmen können? Kein Wunder, dass er sich davon überrumpelt und abgestoßen gefühlt hatte.
„I-Ich kann noch gehen, wenn du das möchtest“, murmelte er heiser, und wischte sich hastig mit dem Ärmel eine Träne aus dem Gesicht. Heute war wirklich nicht ihr Tag, dabei hatte er doch gehofft, der Dunkelhaarige könnte ihn vielleicht nochmal wiedersehen wollen, egal mit was für Hintergedanken. Aber vermutlich waren ihre Hintergründe, ihre Lebensweisen, wohl doch etwas zu verschieden.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Dez 19, 2012 11:15 pm

Das war so unglaublich bescheuert. Was brabbelte er da nur für einen Mist? Die Hälfte seiner Worte reichte schon aus, um einen Sinn zu kreieren, den er gar nicht beabsichtigt hatte. Und jetzt fühlte sich Julian genauso dreckig, wie er sich missverstanden fühlte. Was war nur mit ihm los, dass er es in so kurzer Zeit gleich zweimal vergeigte mit einem Mitmenschen eine normale und nicht belastende Konversation zu führen? Das war doch sonst nicht so! Er war gut darin andere zu verstehen, konnte quasi ihre Gedanken lesen, ehe sie gedacht worden waren. Aber hier schien das alles ein großer Haufen an Missverständnissen zu werden. Aber diese Kurzschlussreaktion – dieser Gedanke, dass jemand Sex mit ihm hatte aus reinem Pflichtgefühl, war ihm dermaßen zuwider. Mit Sex bezahlte man doch nichts, das war etwas Wunderbares, etwas, dass man in Ehren halten sollte. Das warf man doch nicht einfach so in den Raum. Das konnte man doch nur falsch auffassen. Da fühlte man sich doch auch nicht besser als dieser schmierige Freier auf der Straße. Wenn man einem so hübschen Jungen so die eigenen körperlichen Gelüste aufzwang, indirekt über heuchlerische Zugeständnisse und Fürsorge. Vince schaute auf seine eigenen Hände. War er wirklich zu so etwas fähig? Ganz unbewusst? Hatte er die Situation des Blondschopfs unterbewusst ausgenutzt? Weil ihm das Angebot einfach viel zu gut erschien, und er einfach ‚ja‘ hatte sagen müssen? Nur, weil er sich selbst gut fühlte, wenn er für jemanden sorgen konnte. Er war ein schlechter Mensch, der sich hinter guten Absichten versteckte. Wenn er so darüber nachdachte, dann hatte Julian gar keinen Fehler gemacht. Immerhin hatte der Blonde nur gute Manieren bewiesen – wenn auch etwas einzigartige Manieren – aber er hatte sich nur bedanken wollen. Zwar musste man einem nicht alles eins zu eins zurückgeben oder für jede Handlung eine Gegenaktion parat haben, aber es war ein Zeichen von einem reinen Gewissen. Bedauerlicherweise konnte Vincent diese Art von Dankbarkeit nicht annehmen. Eine Unterkunft für Sex? Er schüttelte sich.
Seine Worte hatten Julie anscheinend härter getroffen, als sie überhaupt gedacht waren. In seiner verzweifelten Rechtfertigung hatte er Dinge gesagt, die ihm einfach so herausgerutscht waren, Dinge, die so gar nicht stimmten. Gemeine und oberflächliche Vorurteile. Er hatte ihn einfach als Stricher abgestempelt und das Individuum dahinter vollkommen ausgeblendet. Sicher hatte Julian ein Herz, hatte Gefühle und Bedürfnisse. Und das er sich zu seinem Retter in gewisser Weise hingezogen fühlte, dass konnte man ihm doch nicht verübeln. Immerhin war er das gewohnt, dass man ihm hinterherschaute. Er war nicht prüde, nicht wirklich. Vince schreckte nicht vor reiner Lustbefriedigung zurück. Liebe war zwar das hehre Ziel, aber es war ein weiter und anstrengender Weg dorthin. Und Julian war keineswegs hässlich oder abstoßend. Sicher er befand sich nicht in körperlicher Höchstform, aber selbst so konnte man sehen, dass er im Grunde ein wirklich attraktiver junger Mann war. Und sicherlich war er im Bett gar nicht schlecht, immerhin hatte er vier Jahre Berufserfahrung. Sicher wäre Sex mit Julie super – unter anderen Umständen. Moment. In welche Richtung entwickelte sich dieses Gedankenspiel? Er blickte auf. Mit seinem rücksichtslosen Verhalten hatte er den gerade aufgetauten und zufriedenen Norweger wieder in dieses zurückgewiesene sich schämende Häufchen Elend verwandelt. Ein schwerer Kloß bildete sich in seinem Hals, den er nicht herunter schlucken konnte. In den Worten des anderen lag so viel Bitterkeit, dass es selbst Vincent unglaublich kränkte, dass Julie nicht tun konnte, was er eigentlich tun wollte. Die Augen richteten sich auf das Kissen, welches zwischen den Fingern des Gelockten Schmerzen erlitt, die es nicht mit seiner Umwelt teilen konnte. Es blieb stumm und litt dennoch. Vince bemerkte, dass er Julian den Tränen nahe gebracht hatte, dass sein Gesicht sich verkrampfte, damit er das letzte bisschen Beherrschung nicht auch noch verlor. Wieso tat er sich das nur an?
Mit einer behutsamen Bewegung erhob sich der Dunkelhaarige, stellte das Glas vorsichtig auf den Tisch, überquerte mit wenigen Schritten den Teppich. „Oh, Julian...“ hauchte er und ließ sich auf der Armlehne nieder, legte die Arme um die Schultern des Jüngeren. Mit geschlossenen Augen zog er den schmalen Körper an den eigenen. Julie sollte sich nicht abgestoßen fühlen, sich nicht fehl am Platz fühlen oder sich schlechter als irgendjemand anders auf der ganzen Welt. „Du kannst solange bleiben, wie du willst. Ich möchte, dass du so lange du bleibst, wie du willst.“ er seufzte in die Haare, die nach dem eigenen Duschgel rochen. Es fühlte sich gut an, Julian im Arm zu halten. Es war, als wäre eine Hemmschwelle verschwunden, als wäre alles viel einfacher. Er schmiegte sich an ihn „Du brauchst dich nicht zu schämen. Es ist okay. Tut mir leid, dass ich direkt so reagiert habe. Das war.... untypisch.“ er lächelte und strich ihm über den Rücken. „Gegen deine blauen Flecken habe ich Arnika-Salbe, wenn du magst.“
Julie hatte recht. So recht, mit dem, was er sagen wollte. Man konnte einen Menschen nicht an einer einzigen Sache festlegen, ihn nicht beurteilen oder deswegen kennen. „Ja, du bist nicht nur ein Stricher~“ er grinste „So viel mehr...“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Dez 20, 2012 10:30 am

Es fiel dem Lockenkopf schwer, sich zusammenzureißen, er hatte beinahe Angst, dass er das Kissen in seinen Händen vor Unwohlsein auseinanderpflücken könnte. Vincent schien auf seine Worte gar nichts mehr entgegnen zu wollen, und vermutlich war er viel zu weit gegangen. Der Dunkelhaarige hatte ihm gar nichts geschuldet, und er hatte es sich jetzt auch noch angemaßt, ihn zu maßregeln. Dabei war er doch derjenige gewesen, der einen plumpen Stricherspruch gebracht hatte, egal, wie ernst er gemeint gewesen war –da musste er sich doch nicht wundern, wenn andere Leute auch nicht mehr in ihm sahen. Schluckend senkte er den Blick erneut Richtung Boden, biss die Zähne fest aufeinander. Die Stille war beinahe unerträglich, bestimmt wollte Vince so etwas nicht länger in seiner Wohnung haben, und Julian konnte ihm wirklich keinen Vorwurf machen. Was er alles innerhalb eines Tages für ihn getan hatte…..So sehr hatte sich seit Jahren mehr niemand um ihn gesorgt. Er stieß ein leises Hicksen aus, immer, wenn er sich furchtbar aufregte, bekam er einen Schluckauf, und das gerade war eine Paradesituation. Er erwartet stumm die letzten Worte des Mannes, innerlich schon darauf eingestellt, dass er gehen musste. In die erfolgreiche Welt eines Ladenbesitzers passte er nun wirklich nicht hinein, und er hatte seine Gastfreundschaft wohl lange genug strapaziert. Da war niemals mehr gewesen, und der Norweger kam sich auf einmal furchtbar dämlich vor, dass er diese Illusion überhaupt je gehabt hatte.
Umso verwirrter sah er auf, als sich der andere langsam erhob, sein Gesicht wirkte nicht einmal zornig, nein, es wirkte…irgendwie sanft und ein klein wenig reuevoll. Julian verstand einfach nicht, wie Vince es über sich bringen konnte, ihn auch noch zu berühren, wo er doch gesehen hatte, mit was für Leuten er Verkehr hatte, wie kaputt sein Körper eigentlich war. Wie konnte er so sehr über all das hinwegsehen? Er war wahrlich ein Engel, anders konnte man es einfach nicht sagen. Ein Engel….sein Engel. Ohne weiter zu zögern schlangen sich die schmalen Arme um seinen Oberkörper, schluchzend drückte er das Gesicht an seine Brust. Er konnte es nicht weiter zurückhalten, so viel Freundlichkeit und Mitgefühl auf einmal waren ihm nie zuteil geworden, seit er hier in Amerika war, und eigentlich hatte er auch nicht das Gefühl, als ob er sie verdiente. Schniefend nahm er den Geruch des anderen in sich auf, seine Hände auf seinem Rücken beruhigten das Zittern wieder ein wenig. Wie gerne wäre er hier geblieben, länger als nur eine Nacht, raus aus seinem deprimierenden Alltag und einfach bei Vincent bleiben. Klang das nicht wie ein Plan? Er konnte nicht fassen, dass er diesen Menschen erst vor wenigen Stunden kennengerlernt haben sollte, denn es fühlte sich irgendwie an, als würden sie sich schon viel, viel länger kennen. Er wollte sogar seine hässlichen Flecken behandeln. Julian war unfähig, ihm etwas zu erwidern, nickte nur gegen seine Brust und stieß irgendetwas in Richtung zustimmendes Murmeln aus. Es dauerte eine ganze Weile, bis er seine Schluchzer so weit eingedämmt hatte, dass er auch nur ein Wort hervorbringen konnte.
„D-Du bist viel zu nett zu mir“, presste er hervor, ein Geräusch ausstoßend, das irgendwo zwischen Lachen und Weinen lag. Er wollte sich gar nicht mehr von dem anderen Leib lösen, seine Körperwärme fühlte sich viel zu gut an. Er musste ein weiteres Zittern unterdrücken, schmiegte sich erneut etwas enger an seinen Leib.
„Ich möchte b-bei dir bleiben“, schniefte er, und erneut kullerten ein paar Tränen über die blassen Wangen, sodass er sich ganz albern fühlte, aber er konnte einfach nicht aufhören. Eine ganze Weile lang blieb er so sitzen, und Vince ließ ihn zum Glück. Wie hatte er nur jemals den Gedanken hegen können, dass jemand wie er solch eine Revanche für seine Nettigkeit haben wollen würde? Nein, alles, was er ihm unterbewusst je unterstellt hatte, kam ihm noch gemeiner vor als sowieso schon. Er wollte sich am liebsten gar nicht mehr von dem angenehm warmen Körper lösen, aber Vincent verschwand kurz ins Bad, um die versprochene Salbe zu holen, und Julian blieb auf der Couch zurück, etwas verloren das Kissen in seinen Armen zerdrückend, bis der Dunkelhaarige zurückkam. Zu mindestens hatte der Blonde sich so weit eingekriegt, dass er nicht mehr losweinen musste, und schaute dem anderen nur aus geröteten Augen entgegen, sich zögerlich das Shirt über den Kopf ziehend, damit Vince die zahlreichen Prellungen und Flecken mit der Salbe einreiben konnte. Ein scharfer Geruch stieg ihm in die Nase, und er zuckte leicht zusammen, als man seine Haut berührte, zum einen, weil die Salbe kalt war, zum anderen, weil die Berührungen auf seinem malträtierten Brustkorb schmerzten. Aber er biss die Zähne zusammen, immerhin wollte er dem anderen nicht das Gefühl geben, dass er irgendetwas verkehrt machte. Julian hielt den Blick starr geradeaus gerichtet, er mochte es nicht, sich die Gewaltspuren anzusehen, und er hoffte, dass die Salbe schnell einziehen würde, damit er sich das Shirt wieder überziehen konnte.
„Danke, Vince, ich…ich weiß gar nicht….E-Es war einfach noch nie jemand so nett zu mir“, brachte er irgendwie hervor, und lehnte seinen Kopf müde an die Brust des anderen. Die Tränen hatten ihn ausgelaugt und schläfrig gemacht, und er wünschte sich eigentlich nur noch, dass er endlich ein Auge zutun konnte.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Dez 20, 2012 6:29 pm

Es war ein komisches Gefühl, als Julie die Umarmung stürmisch erwiderte. Wie zwei Freunde, wie eine Familie und nicht wie zwei sich beinahe vollkommen fremde Menschen. Das Hier und Jetzt schien viel zu abwegig, als dass es wirklich passieren konnte. Die Schreiber des Schicksals waren wirklich kauzige Wesen – wenn es denn so etwas wie Schicksal wirklich gab. Zumindest war Vincent dankbar dafür, dass Julian diesmal nichts falsch verstand, er selbst nichts falsch machte, dass die Umarmung genau so ankam, wie sie beabsichtigt war. Es war nur eine einfache liebevolle Geste, die so viel mehr zwischen ihnen regelte. Es sagte ihm, dass ihre Geschichten nicht länger parallel liefen, sondern sich hin und wieder kreuzten, wenn nicht sogar eine Einzige werden würden? Die Zukunft schien den blonden Norweger auf jeden Fall für ihn bereit zu halten und er hatte absolut nichts dagegen. Wenn sie sich erst einmal an den jeweiligen anderen gewöhnt hatten, dann konnte das hier wirklich etwas ganz Zauberhaftes werden, mit Glitzer und ganz viel Potential. Zumindest konnte sich das der Dunkelhaarige sehr gut vorstellen. Ja, sehr sehr gut vorstellen. Der Gelockte schien endlich loslassen zu können, merkte, dass er seine Selbstbeherrschung vergessen konnte, ohne verurteilt zu werden. Wer auch immer diesen Quatsch verbreitet hatte, dass Männer nicht weinen durften. Jeder hatte das Recht dazu, zu tun, was man gerade wollte, solange man dabei niemand anderem Schaden zufügte. Beruhigend strich er über den Rücken, behutsam und vorsichtig, er wollte ihn nicht verletzen. Wer konnte schon sagen, was die Haut alles für Blessuren hatte, dass nicht nur blaue Flecken die Folgen von Schlägen und Tritten waren? Vince schloss die Augen. Dieser arme kleine Mensch. Er spürte die warme Luft durch sein Oberteil hindurch, wenn Julian ausatmete, spürte die Tränen, die sich in den weichen Stoff sogen. Ihn störte es nicht im Geringsten, es machte ihn sogar ein wenig glücklich. Glücklich darüber, dass Julie ihm das Vertrauen schenkte, dass er die momentane Schwäche nicht ausnutzte. Ob er vielleicht verstanden hatte, dass Vince nie etwas im Hinterkopf gehabt hatte, als er ihn so affektartig aufgenommen hatte? Es wäre zumindest schön. Das stumme Nicken an seiner Brust bestätigte ihm, dass der Norweger bereit war, sich helfen zu lassen, dass Vincent ihm helfen konnte und durfte. Er würde für ihn da sein, ihm zuhören, wenn ihn etwas quälte und ihn wieder aufpäppeln, wenn er mal auf die Knie gezwungen worden war. Mit den offensichtlichen Verletzungen würde er anfangen, ehe er sich um die Unversehrtheit der Regenbogenseele kümmerte. Sie mussten ja zusammen halten, sie waren immerhin beide Homos! Und die mussten zusammenhalten, wenn die Welt sie schon nicht haben wollte. Außerdem war es bald Weihnachten, dem Fest der Liebe. Die Hand auf dem schmalen Rücken hörte nicht auf, solange sich der Oberkörper des anderen noch zusammenzog, weil er weinte. Nein, er war und blieb für Julie da.
„Ich bin eben ein Engel“ flüsterte Vince und lächelte bei den Worten. Außerdem machte es ihm wirklich nichts aus, so nett zu sein. Er wusste ja, wer es brauchte und dass er seine Mühe und Empathie nicht vergeudete. Das Lächeln wurde stärker, als Julian die Tatsache aussprach, dass er bleiben würde, bleiben wollte. Es beruhigte Vince zu wissen, dass er den Jüngeren in seiner Obhut behalten konnte und er nicht von irgendwelchen Leuten schamlos übers Ohr gehauen wurde, weil er so leicht angreifbar und verletzlich war. „Dann bleib hier.“ hauchte er und strich durch die immer noch leicht feuchten Haare, hob leicht das blasse Gesicht und blickte in die geröteten blauen Augen. Seine warmen Hände legten sich an die kühlen Wangen, lächelnd strich er ein paar Tränen weg „Ich bin sofort wieder da.“ sagte er leise und verschwand ins Bad.
Mit der Salbe in der Hand betrat er das Wohnzimmer, atmete tief durch. Was würde er jetzt sehen? Der flüchtige Blick eben hatte schon gereicht. Tapferkeit, Vincent, Tapferkeit! Er ermutigte sich selbst, setzte ein vorsichtiges Lächeln auf. Mit einem Nicken deutete er leicht an, dass Julian sich schon seines Shirts entledigen musste – das war sonst ja wirklich eklig. Als sich der Stoff von der eigentlich hellen Haut löste, musste Vincent all die Spuren der Gewalt sehen. Er wurde leicht blass und seufzte. Dieser arme Junge. Ganz vorsichtig verteilte er die Salbe in gleichmäßigen Kreisen auf dem Rücken, wurde großzügiger auf den teilweisen wirklich großen Flecken. Hoffentlich tat das nicht all zu sehr weh – klar ein bisschen Schmerz konnte er nicht verhindern, aber er wollte ihm auch nicht arg weh tun. Wer tat denn nur so etwas? Als sich Julie umdrehte schaute Vince entschuldigend in die blauen Augen und zuckte kurz mit den Schultern. Vorsichtig glitten die weichen Finger über die sichtbaren Rippen. Das sah alles nicht gut aus. Selbst Vince tat es weh. Vielleicht sollte man das einmal untersuchen lassen? Als er den Deckel wieder zuschraubte, strich er über die blonden Locken, die sich an seine Brust gelehnt hatten. „Wollen wir schlafen, hm?“
Er erhob sich und öffnete die Tür zum Schlafzimmer „Kommst du?“
Mit einem Satinschlafanzug in der Handstand stand vor dem Schrank. „Oder willst du was anderes anziehen?“ er lächelte den Halbbekleideten über die Schulter fragend an.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Dez 20, 2012 8:51 pm

Ruhig hörte Julian eine Weile auf den Herzschlag des anderen, musste sich wirklich anstrengen, damit ihm noch nicht hier an Ort und Stelle die Augen zufielen. Es erschien so merkwürdig, wie schnell das Verhältnis zwischen zwei eigentlich völlig Fremden sich ändern konnte, zu wie viel mehr eine zufällige Bekanntschaft an einem einzigen Abend werden konnte. Aber hatte er so etwas nicht auch mal verdient? Die letzten vier Jahre waren die Hölle gewesen, und jetzt war da endlich jemand, der sich um ihn zu sorgen schien, dem er keine Last zu sein schien. Vermutlich bildete er es sich nur ein, so schnell konnte die Salbe sicher nicht wirken, aber bereits jetzt hatte er das Gefühl, das der dumpfe Schmerz in seinem Oberkörper ein wenig nachließ, und er seufzte erleichtert auf. Vince war vorsichtig mit ihm gewesen, und generell tat er so viel für ihn, dass der Blonde immer noch das Gefühl hatte, dies alles müsste ein Traum sein, dass er es sich nur zu fest gewünscht hatte, dass es jemanden gab, der sich um ihn kümmerte, und in Wirklichkeit lag er noch immer in seiner schäbigen Wohnung und blickte einem neuen, verzweifelten Tag entgegen. Aber Vince war kein Traum, er war wirklich da und strich ihm beruhigend über die Haare. Kurz schloss der Norweger die Augen, schob all die Ängste, mit denen er sonst zu Bett gehen musste, beiseite. Keine Tritte und Schläge am nächsten Morgen, wenn er nicht pünktlich in Michaels Bordell aufkreuzte, kein erniedrigender Sex mit ekelhaften Männern. Nein, er konnte hierbleiben, und sein Zuhälter würde niemals erfahren, wo er abgeblieben war. Er musste nur einmal zur Wohnung zurück und seine Sachen holen, dieses Wohnviertel war weit genug entfernt, als dass man hier nicht nach ihm suchen würde…….Er war selbst ein wenig verwundert, wie weit er seine Gedanken spinnen konnte, aber für Planungen war er jetzt schlichtweg zu müde, und außerdem musste er erst einmal in Erfahrung bringen, wie weit Vincent tatsächlich gehen wollte, wie die Hilfe aussah, die er ihm anbieten wollte, und ob er seine Großzügigkeit nicht schon am nächsten Morgen bereuen würde. Aber Julian war optimistisch, dass dem nicht so sein würde.
Sehnsüchtig schielte er zu der weichen Couch hinüber, mit ein paar warmen Decken ließ sich dort sicher wunderbar die Nacht verbringen, und so todmüde wie er war, könnte er im Moment vermutlich überall schlafen. Immer noch hing ihm der beinahe betäubende Geruch der Salbe in der Nase und machte ihn noch ein wenig benebelter. Er nickte nur als Antwort, als Vince ihm endlich ebenfalls anbot, ins Bett zu gehen. Er wollte schon auf die Couch hinüberrückend, als die auffordernde Stimme des Dunkelhaarigen zu ihm hinüberdrang, und er hob überrascht den Kopf. Er wollte ihn sogar bei sich im Bett haben? Julian wusste, dass dahinter nichts zweideutiges stand, diesen Gedanken hatte er längst abgelegt, aber allein der Gedanke, dass er die Nacht nicht alleine verbringen musste, sondern mit einem warmen Körper an seiner Seite, an den er sich anschmiegen konnte, wenn er schlimme Träume hatte…..Erneut stiegen ihm Tränen der Rührung in die Augen, die er jedoch sofort mit einem leichten Lächeln beiseite wischte. Genug geweint für einen Tag, sonst bekam Vince nachher noch das Gefühl, er hätte doch nicht alles richtig gemacht, und das hatte er. Eine Weile lang lag der Blick der blauen Augen nur dankbar auf dem schmalen Körper des Älteren, er war so gespannt, mehr über ihn zu erfahren, mehr über sein Geschäft, über sein Leben, was er mochte, was er hasste. Er schien so ein besonderer Mensch zu sein, dass Julian es ihm einfach schuldig war, mehr über ihn zu erfahren.
„Heißt das, dass ich bei dir schlafen darf? In deinem Bett?“, fragte er, nur, um sich noch einmal zu versichern, dass er seine Worte richtig verstanden hatte und nicht gleich in das nächste Missverständnis trudelte. So eilig, wie es ihm sein eingesalbter Oberkörper erlaubte, huschte er zu ihm hinüber, einen Blick in das Schlafzimmer werfend. Es war nicht riesig –nichts an dieser Wohnung war das-, aber es wirkte so gemütlich, dass Julian sich gleich am liebsten in das große Bett gekrochen wäre und tagelang durchgeschlafen hätte. Nur kurz erhaschte er einen Blick auf Vincents üppigen Kleiderschrank, es gab garantiert keinen Tag im Jahr, an dem er nicht gut aussah mit dieser Garderobe. Er blinzelte dem Älteren etwas unsicher entgegen, sah an sich herunter. In Jeans konnte er wohl kaum ins Bett gehen, aber er schlief ja eh meistens in Boxershorts.
„Irgendein ausgewaschenes T-Shirt vielleicht?“, fragte er etwas verunsichert, ob es so etwas in Vincents Schrank überhaupt gab. Aber er hatte anscheinend Glück, es war sogar ein recht weites Shirt, dass Julian sich erleichtert über die schmalen Schultern zog. Die Salbe war in der Zwischenzeit eingezogen, sodass sie nur noch als kühler Film auf seiner Haut zu spüren war. Etwas unsicher wartete er, bis der Ältere sich ebenfalls umgezogen hatte und sich ins Bett gelegt hatte, bevor er zu ihm unter die Decke krabbelte, sich gleich in der wohligen Wärme zusammenrollend. Er hoffte, dass es dem anderen nicht unangenehm war, dass er ein wenig zu ihm hinüberrutschte, aber vermutlich nicht, sonst hätte er ihm gar nicht erst angeboten in seinem Bett zu schlafen. Die Wärme des anderen Körpers fühlte sich angenehm an und erfüllten ihn mit einem wohligen Gefühl, sodass er seufzend seinen Kopf an Vincents Brust lehnte. Seine Augen hatten sich bereits geschlossen, bevor er sich jedoch noch einmal zwang, sie zu öffnen. Er schielte leicht zu dem Gesicht des Dunkelhaarigen auf, bei all dem, was er heute für ihn getan hatte, konnte er es ihm doch nicht danken, indem er einfach nur neben ihm einschlief. Und am nächsten Morgen musste er bestimmt früh raus, immerhin hatte er ja ein eigenes Geschäft, das führte sich ja nicht von selbst.
„Vince?“, flüsterte er ihm leise entgegen, hoffentlich war er nicht schon eingeschlafen. Aber eine leichte Regung des Kopfes verriet ihm, dass der Ältere noch nicht eingeschlafen war, so hatte er ihn wenigstens nicht aus seinem verdienten Schlaf geweckt.
„Danke für alles“, murmelte er, bevor er sich ein Stück streckte und ihm einen sachten Kuss auf die Wange gab. Sofort wurde er leicht rot im Gesicht, was sein Retter in der Dunkelheit zum Glück nicht sehen konnte, und drückte seinen Kopf noch etwas fester gegen seinen Schlafanzug. Er hatte oft Alpträume, aber diese Nacht, da war er sich sicher, konnte er auf keinen Fall schlecht träumen, dieses Mal war er nicht alleine, er hatte Vincent, der auf ihn aufpasste, und er auch noch da sein würde, wenn er aufwachte. Nunja, okay, vielleicht auch nicht, aber dann war er nur zur Arbeit und würde wiederkommen. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, und er krallte seine linke Hand leicht im Schlafanzug des anderen fest, beinahe als hätte doch ein Teil von ihm Angst, dass er über Nacht verschwunden sein könnte. Sein Engel….

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Fr Dez 21, 2012 1:06 am

Ein ausgewaschenes T-Shirt? Er hob skeptisch die Augenbrauen und warf einen Blick in seinen viel zu leeren Kleiderschrank. Er sollte dringend einen neuen Schrank kaufen. Wer war schon darauf vorbereitet ausgewaschene Kleidung zu verteilen? Nunja- die Leute liebten ausgewaschene Jeans aber das meinte Julie ja nicht. „Du kannst natürlich auch auf dem Boden schlafen, Honey~“ meinte er, während er seine Kleiderstapel musterte. Warum sollte er etwas dagegen haben, dass Julian in seinem Bett schlief? Es war groß und er war darin sonst ganz allein. Außerdem hatte er überhaupt keine Berührungsängste, auch – zugegebenermaßen – wenn das alles ein bisschen ungewohnt war. Es würde schon nichts Großes bedeuten. Mit einem Seufzen zog er ein T-Shirt aus dem Schrank, dass nicht einmal ihm gehörte, aber es war zu groß und es war zum schlafen bestimmt nicht ungeeignet. „Ich hoffe, dass geht?“ er warf das weiße Shirt. Mit einem entschuldigenden Blick verschwand Vince selbst im Bad und erledigte die gewohnten Pflegemaßnahmen, ehe er in seinem eigenen Schlafanzug aus glattem Satin unter die dicke Decke huschte. Müde schloss er die Augen. Das war ein wirklich ereignisreicher Tag gewesen. Vollkommen vom gewohnten Alltag gelöst und irgendwie kribbelte es immer noch in seinem Fuß, wenn er daran dachte, was er heute damit getan hatte. Ein triumphales Grinsen strahlte in die Nacht. Er war ein kleiner schwuler Held! Hurray! Und mit seinen Heldentaten hatte er das Leben grundlegend verändert! Ihn störte es auch nicht, dass dort jemand auf Tuchfühlung ging und sich mit seinem warmen Körper an ihn heran kuschelte. Vince mochte die menschliche Wärme. Das alles lullte ihn irgendwie ein. Auch ein Engelchen brauchte einmal seinen Schönheitsschlaf. „hm?“ stieß man aus und hob leicht den Kopf, um wenigstens etwas in dem leichten Dämmerlicht des Raumes ausmachen zu können. Was wollte man von ihm? Doch im nächsten Moment klärte sich das alles von allein auf. Die weichen Lippen an seiner Wange wurden mit einem verstehenden Ausatmen quittiert. „Keine Ursache..“ murmelte man, ehe man den Arm um Julies Schulter legte. Er hatte es gern getan. „Gute Nacht, Sweetheart“ schnurrte der Dunkelhaarige, bevor er wirklich vollkommen in der Dunkelheit des Schlafes versank. Ja, es war wahrlich ein kurioser Tag gewesen.

Mit einem schrillen Herumgepiepse machte sich die schaurige Weckmelodie des vibrierenden Smartphones bemerkbar. Es war Zeit aufzuwachen. Die Finger suchten schlaftrunken nach dem morgendlichen Störenfried, bis es endlich mit einem kläglichen letzten Aufbegehren verstummte. Vince seufzte. Moment – was? Wer? Wie? Er realisierte, dass er nicht allein in seinem Bett war, dass er irgendwie mit einem anderen Körper verknotet unter seiner Decke lag. Das Gesicht aus dem Kissen hebend schaute er sich um. Aber noch ehe er wirklich etwas sehen konnte, da die Jalousien immer noch heruntergelassen waren, erinnerte er sich an Julian und dass er ihn hierbehalten hatte. Vorsichtig entzog er sich der beinahe schon klammernden Umarmung und tapste aus dem Bett. Er wollte Julie nicht unnötig wecken. Der Junge hatte bestimmt eine ordentliche Portion Schlaf nötig. Leise huschte er aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Außerdem wollte er das Bad für sich allein haben. Vincent stieg unter die Dusche, putzte sich die Zähne und machte sich für den kommenden Tag fertig, glänzte sich im Spiegel an. Ja, so konnte er Julie unter die Augen treten. Nur mit einem Handtuch um die schmale Hüfte huschte er in die Küche und warf die Espressomaschine an. Wie konnte man sonst den Tag genießen? So ganz ohne Morgenkaffee? Das war ein ganz scheußlicher Gedanke. Er langte nach dem Handy und tippte ein wenig auf dem Touchscreen herum. Jetzt musste er sich nur noch anziehen und dann konnte er sich daran machen Frühstück vorzubereiten. Das Schlafzimmer lag immer noch im Halbdunkeln, als er hineinschlüpfte und sich an seinen Kleiderschrank wagte. Einen Blick über die Schulter werfend versicherte er sich, dass Julian noch schlief, ehe er das Handtuch fallen ließ und sich schleunigst anzog. Man wollte ja nicht als Nudist gelten oder so. Aber so war das einfach viel praktischer und vor allem war es die pure Gewohnheit. Wirklich gut gelaunt tänzelte er durch die Wohnung und deckte den Tisch mit einem liebevollen Weihnachtsdekor. Ob Julian gut geschlafen hatte? Hoffentlich fand er sich in der ungewohnten Umgebung zurecht und fühlte sich nicht vollkommen verwirrt und orientierungslos. Das wollte er nicht, nachher dachte man noch, dass man bei einem widerlichen Freier oder Vergleichbarem erwachte. Aber noch schien er ja in süßen Träumen zu schwelgen, so wie er sich in die Kisschen gekuschelt hatte. Als der Frühstücktisch soweit gedeckt worden war, schnappte man sich die Haustürschlüssel und verließ die Wohnung. Zu einem guten Frühstück gehörten frische Brötchen – und der Bäcker schräg gegenüber war dafür der beste Anlaufpunkt.
Ein paar Minuten später öffnete sich die Tür in die Wohnung erneut und Vince betrat mit noch warmen Brötchen das Wohnzimmer, die Tür zum Schlafzimmer stand leicht offen. Da war wohl jemand aufgewacht. Vince lächelte. Den Mantel einfach auf die Couch werfend trat man zu dem Blondgelockten und umarmte ihn von hinten. Es war einfach so ein Drang gewesen. „Guten Morgen, Julie“ hauchte man strahlend, nahm die Brötchen aus der Tüte und legte sie in den dafür bereitstehenden Brotkorb. „Ich hoffe du hast gut geschlafen?“
Man huschte in die kleine Küche brachte Orangensaft. „Möchtest du Frühstückseier?“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Fr Dez 21, 2012 9:47 am

Bestimmt hatte er seit Jahren nicht mehr so gut geschlafen. Kaum, dass Vince ihm eine angenehme Nacht gewünscht hatte, war er auch schon entschlummert, den Geruch des Mannes noch in er Nase, seine Körperwärme spürend. Es war ein schönes Gefühl, bei jemand anderem im Bett zu liegen, ohne, dass er Sex mit ihm haben musste. Selten hatte er sich irgendwo so wohl gefühlt, und er stieß ein zufriedenes Geräusch aus, als sich der Arm des anderen um seinen Leib legte, sich noch etwas enger an ihn drückend, insofern das überhaupt möglich war. Seine Nacht war zum Glück traumlos, oft hatte er Alpträume, aber wie konnte man von Monstern und Schmerzen träumen, wenn sich unter seinem Kopf die Brust des Engels leicht auf und ab bewegte? Er konnte nicht sagen, wie lange er überhaupt schlief, er wusste nur, dass irgendwann ein nervendes Gepiepse in seinen Schlaf eindrang und ihm fürchterlich auf die Nerven ging. Er stieß ein leises Grummeln aus, der schmale Körper rollte sich etwas enger zusammen. Er wollte noch nicht aufstehen, die wohlige Wärme hier war viel zu angenehm, und es erschien momentan nichts schöner, als einfach die Augen geschlossen zu halten. Er spürte neben sich Bewegungen, die er nicht einordnen konnte, wie es kurz etwas kälter um ihn herum wurde, bevor er die Decke enger um sich zog und das Gesicht ins Kissen drückte. Wirklich wieder einschlafen konnte er nicht, jedenfalls nicht so fest wie zuvor, er dämmerte mehr so vor sich hin, während er leise gedämpfte Geräusche in der Wohnung hörte. Dass die Geräusche für ein Weile völlig verstummten, war für ihn schließlich der Grund, endgültig aufzuwachen. Er streckte sich leicht, öffnete blinzelnd die Augen. Für ein paar Sekunden überkam ihn der Schreck, als er nicht sein eigenes Zimmer sah, hatte ihn dieser schmierige Freier von gestern doch bei sich behalten? Aber im nächsten Moment fiel ihm wieder ein, wer ihn gestern mitgenommen hatte, wer sich um ihn gekümmert hatte und in wessen Bett er hatte schlafen dürfen, sodass er sich erleichtert wieder zurücklehnte. Er wusste nicht, ob Vincent schon zur Arbeit verschwunden war, oder wo er abgeblieben war. Auf jeden Fall würde er die Wohnung heute nicht verlassen und auf ihn warten. Es war sowieso nett genug von ihm, dass er ihn in seiner Wohnung allein ließ, dass er ihm so weit vertraute. Nur zu ungern löste der Lockenkopf sich aus der Decke, in die er sich eingerollt hatte und tappste ins Badezimmer. Kurz hob er das weite T-Shirt an, einen Blick auf seinen Brustkorb werfend. Rein äußerlich war noch keine allzu große Veränderung zu sehen, aber er hatte zu mindestens das Gefühl, dass alles ein klein bisschen weniger weh tat als sonst. Etwas unschlüssig, was er in der fremden Wohnung durfte und was nicht, ging er in den Wohnraum, sich vorsichtig umschauend, aber auch hier war Vincent nicht zu sehen, nur eingedeckter Frühstückstisch. Ein leichtes Lächeln huschte über Julians Gesicht, als er sah, dass beide Gedecke noch ungenutzt waren. Also konnte Vince auch noch nicht gefrühstückt haben und würde sicher gleich wiederkommen.
Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, hörte er auch schon Geräusche, klirrende Schlüssel und Schritte, und bevor er sich herumgedreht hatte, legten sich schon warme Arme von hinten um ihn, und er schloss kurz genießend die Augen. Dass sie die Nacht im selben Bett verbracht hatten bedeutete im Endeffekt nicht wirklich etwas, aber Julian hätte sich doch ein klein wenig gewünscht, dass es so wäre. Er drehte den Kopf leicht zur Seite, den Dunkelhaarigen anlächelnd.
„Morgen, Vince. Ja, ich hab schon ewig nicht mehr so gut geschlafen!“, antwortete er ihm bevor er sich an den Frühstückstisch sinken ließ, den anderen Mann dabei beobachtend, wie er in die Küche zurückwuselte.
„Wenns dir keine Umstände macht, gerne“, rief er ihm hinterher und sog den Duft der frischen Brötchen ein. Er selbst roch noch immer nach Vincents Duschgel, und das gefiel ihm unheimlich gut. Er wartete, bis sein Retter ebenfalls am Tisch Platz genommen hatte, bevor er sich ein Brötchen nahm, auch, wenn sein Magen schon eine ganze Weile vor sich hin gegrummelt hatte. Alles schmeckte so lecker, dass er beinahe wieder ein schlechtes Gewissen bekam, denn etwas kam ihm in den Sinn, dass er gestern vor lauter Müdigkeit schlicht vergessen hatte. Er fühlte sich auf einmal schlecht, weil er das einfach vergessen hatte.
„Wenn….Wenn ich bei dir bleiben darf….“, begann er zögerlich, auf seine Hände starrend.
„Ich hab kein Geld und….und auch keinen Job….Wird dir das nicht alles zu teuer?“, presste er schuldbewusst hervor, und seinen gegenüber aus großen blauen Augen heraus verunsichert anblickend. Er wusste nicht, wie gut sein Geschäft tatsächlich lief, und auch, wenn er sicherlich niemandem die Haare vom Kopf fraß, war er doch eine Person mehr, die es zu versorgen galt, und er hatte keine Möglichkeit, sich finanziell zu beteiligen.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mo Jan 14, 2013 10:45 pm

„Das klingt doch gut.“
Er zwinkerte dem kleineren Blonden zu und knüllte die Brötchentüte zusammen. Es war gut zu hören, dass Julian gut schlafen hatte können. Es war wichtig für das Wachstum und das Leben. Das hatte er mal in einer Klatschzeitung gelesen. Wer wusste schon, wann er das letzte mal eine Nacht durchgeschlafen hatte? Wenn ihn diese widerlichen notgeilen Männer mitten in der Nacht bedrängten? - Wenn sie ihn überhaupt bei sich über Nacht einquartierten. Es machte ihn immer wieder glücklich, wie er Julie all diese Selbstverständlichkeiten ein Stück weit wiedergeben konnte.
Er stellte einen Topf auf den Herd und legte behutsam die Eier hinein, wartete, bis er die Frühstückseier abschrecken und anschließend servieren konnte.
Sie würden einfach gemeinsam in den Morgen starten- ihr erster gemeinsamer Morgen. Wie viele wohl noch kommen würden? So wie sie verblieben waren, sollte und wollte Julie bei ihm bleiben. Solange bis es ihn langweilte? Oder er etwas besseres finden konnte? Nichts sollte ihn hier halten. Er durfte gehen, wann er wollte. Das war sein Recht als freier Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika. Und das wollte Vince ihm nicht aberkennen. Lächelnd ließ er sich auf dem Stuhl gegenüber Julie sinken und nahm sich ein Brötchen. Wie süß, dass man artig gewartet hatte, bis er zu Tisch gekommen war. Mit einem Schmunzeln deutete er mit einer ausladenden Geste auf den gedeckten Tisch „Bedien dich. Es ist zwar nicht allzu viel, aber keine falsche Scheu.“
Für eine Weile saßen sie sich fröhlich kauend gegenüber, lauschten der Musik aus dem Radio, in dem irgendein Gewinnspiel angekündigt wurde. Die Sonne kletterte so langsam über den Horizont und funkelte durch die gigantischen Türme aus Glas, ließ die Millionenstadt in einem Wintermorgen glitzern wie kleine Eiskristalle. Es schien ein wirklich schöner Wintertag zu werden. Vince starrte gedankenverloren aus dem Fenster und kaute auf einem Stück Käse herum, als Julie ihn aus den Gedanken riss. Mit einem entschuldigenden Blick schaute er hinüber in das leicht abgewandte Gesicht. Oh- darauf wollte er also hinaus? Daran hatte er so bewusst noch gar nicht gedacht. Sicherlich lag es auf der Hand, dass wenn Julie wirklich bleiben würde, alles anders werden würde und Vince mehr Ausgaben haben würde. Aber würde das wirklich so viel mehr sein? Er runzelte die Stirn. „Hm...“ er fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Es wäre wirklich sehr weit hergeholt anzunehmen, dass Julian Geld hätte, denn dann bräuchte er sich ja nicht auf den Strich zu stellen. Und auch wenn er wenigstens damit ein wenig Geld verdienen konnte, wanderte das meiste vermutlich an irgendeinen Mafioso, der sich Zuhälter nannte. Das würde Vince nicht zulassen, für ihn brauchte sich niemand zu prostituieren! Das wäre ja die moralische Hölle.
Wenn er sich das alles vorstellte, dann musste Julian eigentlich nichts dazu beisteuern. Sein Geschäft lief wirklich gut und so langsam ging es wirklich aufwärts, all die Mühen hatten sich gelohnt. Er nagte nicht am Hungertod und es blieb auch noch genug am Ende des Monats über. Eine weitere Person würde er auch noch aushalten können. Aber das war ja nicht das Prinzip. Er hatte für seinen Status arbeiten müssen. Wer etwas wollte musste auch dafür arbeiten, ohne Leistung konnte man es hier in den Straßen und auch in der Welt nicht erreichen. Und Julie wusste das sicherlich auch und selbst wenn er hier alles bekommen sollte, Vince wollte nicht verantworten, dass er sich auf den Taten eines anderen ausruhte. Dafür kannten sie sich viel zu wenig und seine Gutmütigkeit war auch nicht endlos. „Du kannst einfach im Laden mit anpacken...“ meinte er und schaute ihn an „Dann würdest du mir ein wenig Arbeit abnehmen..“
Vince nahm einen Schluck aus seiner Tasse und drehte sie dann zwischen den Fingern „Oder, wenn du nicht bei mir arbeiten möchtest, könnte ich bestimmt einen meiner Bekannten fragen. Die finden bestimmt etwas für dich?“
Vincent nahm den letzten Schluck seines Morgenkaffees. „Naja- du kannst dir das ja überlegen, Julie.“ er stand auf. „Aber ich hab heute frei und noch was mit dir vor“ er lächelte. Er wollte mit dem Jüngeren zum Arzt. Wer wusste schon, was die ganzen Strapazen und Misshandlungen für Folgen hatten?
„Also husch husch ins Bad! Ich kümmer mich um den Rest“ Vince verschwand in die Küche „Ich hab dir deine Sachen schon ins Bad gelegt und eine Zahnbürste steht auf dem Waschbecken, wenn du sonst noch was brauchst, nimm‘s dir einfach, okay?“
Als er das Wasser im Bad rauschen hörte, machte sich der Dunkelhaarige daran den Tisch abzudecken und abzuspülen. Obwohl Vince versuchte nicht daran zu denken, kamen immer dieselben Fragen in seinen Kopf geschossen. Was hatte er eigentlich mit Julian vor? Was sollte das hier zwischen ihnen werden? Empfand es Julian wirklich nur als reine Solidarität ihm gegenüber oder mochte er ihn wirklich? Für ihn war das alles zunehmend unsicherer. Gestern Abend schien das alles noch in sich harmonisch, irgendwie passend. Und jetzt? Jetzt fühlte er sich irgendwie so fehl am Platz. Er musste den Norweger besser kennen lernen – er gefiel ihm, irgendwas in ihm sagte ihm, dass er hier das Richtige tat. Hoffentlich hatte es recht. Vince wünschte es sich.
Julie brauchte nicht sonderlich lange und stand bald angezogen in dem kleinen Wohnzimmer. „Dann wollen wir mal los“ trällerte Vince, welcher sich selbst darin bestätigte, dass ein Besuch bei seinem Hausarzt nur förderlich sein konnte. Auch wenn er Julie davon nichts erzählte.

Einige Zeit später hielt Vincents Mini in einer belebteren Straße, das morgendliche Treiben war bereits im vollem Gange, Menschen gingen zur Arbeit, priesen die neusten Zeitungen und Magazine an oder sprachen lautstark in ihre Mobiltelefone.
„Ich hoffe du bist mir nicht böse“ meinte Vince leise und drückte auf die Schelle mit der Aufschrift: Praxis Dr. med. Stephan Bernhards, Allgemeinmediziner

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Jan 15, 2013 9:18 pm

Julian fühlte sich fast ein wenig gierig, so hastig wie er die Brötchen hinunterschlang, aber er konnte sich nicht erinnern, dass er hier je so ein gutes Frühstück bekommen hätte, und das musste er doch immerhin ausnutzen! Die Sorgen um die Finanzierung dieses ganzen Spaße blieben allerdings, denn er konnte nun wirklich nicht von Vincent erwarten, dass er ihn so einfach mit durchfütterte! Ein wenig unruhig beobachtete er jede seiner Gesichtsregungen, während dieser überlegte, ein wenig besorgt, ob er so etwas wie Resignation bei ihm sehen würde. Generell war er sich gar nicht sicher, wie er diese Lage einschätzen sollte, was, wenn dem Dunkelhaarigen in ein paar Tagen klar wurde, was er sich da aufgebürdet hatte? Und vielleicht nur aus einem leichten Sympathiegefühl heraus? Besonders angetan schien er von einer Beziehung, die darüber hinausging, ja gestern nicht gewesen zu sein. Und Julian wollte es ihm auch nicht verübeln, er konnte immerhin von niemandem erwarten, dass er sich in einen abgemagerten Stricher verguckte, auch, wenn es irgendwie schön gewesen wäre. Aber vielleicht wuchs er dem Älteren ja wenigstens so sehr ans Herz, dass er seine Entscheidung nicht allzu bald bereute. Er wollte sich ihm immerhin nicht aufzwingen, wenn er gehen musste, dann war das nun mal so. Auch, wenn er sich nicht ausmalen wollte, was ihn erwarten würde, wenn er sich einfach so nicht bei seinem Zuhälter meldete. Er schauderte bei dem Gedanken und schob ihn ganz weit weg zu den Dingen, über die er momentan weder nachdenken wollte noch musste.
Bei den Worten des anderen jedoch hellte sich seine Miene wieder auf, er nickte eifrig. Wenn er bei Vincent arbeiten durfte, konnte er ihn nicht nur besser kennen lernen, er konnte auch etwas machen, das andere Leute als Beruf akzeptieren würden, wofür sie ihn nicht schief ansehen würden. Eine Stelle bei einem seiner Bekannten hingegen hätte jedoch nur zusätzliche Probleme aufgeworfen. Anscheinend vermutete der Dunkelhaarige nicht, dass sein neuer Mitbewohner nicht legal hier in Amerika war, weshalb eine richtige Anstellung bei irgendwem anders nicht in Frage gekommen wäre. Bei Vincent konnte er bestimmt ohne den ganzen Papierkram sein Essen und seine Unterkunft abarbeiten. Wobei er es dem Älteren eigentlich so oder so schuldig war, ihm die Wahrheit zu erzählen. Dabei wollte er das nur sehr ungern, denn was, wenn er seine Meinung dann doch wieder änderte? Aber auch das war ein Problem für später, und so nickte er nur eifrig.
„Ich helf´ dir sehr gern im Laden! Ich will dir auch gar nicht auf der Tasche liegen“, versicherte er ihm eilig, verlegen ein Brötchen in den Mund stopfend, um nicht weiter reden zu müssen. Aber für Vince schien das Thema sowieso erst einmal abgehakt. Neugierig hob er den Blick, ihn kurz musternd. Was könnte er denn mit ihm vorhaben?
„Ist das eine Überraschung?“, hakte er nach, doch anscheinend wollte der Größere ihm nicht verraten, was er mit seiner Andeutung meinte, und nachdem er ihn eine Weile lang erfolglos mit Blicken gelöchert hatte, verschwand er dann doch ins Bad. Er hatte noch die Sachen, die man ihm gestern Abend hingelegt hatte, und er mochte sie, sie waren ein wenig zu weit, aber genau deshalb konnte er sich ja so herrlich in ihnen einkuscheln. Verstohlen benetzte er das Oberteil noch ein wenig mit Vincents Parfum, damit er seine Nase in den gut riechenden Stoff drücken konnte wann immer er wollte. Immerhin hatte er ihm ja gesagt, dass er nehmen könnte, was er sonst noch so brauchte!
Leider konnte er auch die ganze Fahrt über nicht aus Vince herauskitzeln, wo er denn mit ihm hinfuhr, und als sie in einer der viel befahrenen und wuseligen Straßen New Yorks hielten, war ihm das ebenfalls kein wirklicher Hinweis. Erst das Schild an der Klingel öffnete ihm endlich die Augen. Er hatte eigentlich mit einer angenehmeren Überraschung gerechnet. Er hörte das Surren des Türöffners, blieb allerdings wie festgefroren an einem Ort stehen. Er verband nichts Positives mit Ärzten, er kannte nur die bestochenen Ärzte seines Zuhälters, die hin und wieder kontrollierten, ob seine Stricher keine ernsthaften Geschlechtskrankheiten hatten. Über die Spuren von Tritten und Misshandlungen hatten sie immer wohlwollend hinweggesehen. Vincent stand bereits im Türrahmen, aber der Lockenkopf schüttelte nur hartnäckig den Kopf.
„Ich brauch nicht zum Arzt, ich bin doch gar nicht krank!“, setzte er unsicher an, seine Finger knetend.
„Du hast doch noch Salbe zuhause, die reicht doch.“
Immerhin war das mehr Arznei, als er je für seine zahlreichen Prellungen bekommen hatte. Oder wollte Vincent ihn generell durchchecken lassen, damit er sich keinen kränkelnden Hänfling in seine Wohnung holte? Noch dazu, was würde ein richtiger Arzt davon halten, dass er gar nicht legal hier war? Das würde bestimmt Ärger geben.
„I-Ich bin auch gar nicht versichert, also geht das gar nicht!“, stieß er in einem verzweifelten Versuch aus, Vincent leicht am Ärmel zu sich heranziehend, ihn flehend anblickend.
„Können wir nicht einfach wieder fahren? Ich mag keine Ärzte“, bat er ihn, auf seiner Unterlippe herumkauend. Vincent meinte es sicherlich nur gut mit ihm, aber wer wusste, was sie damit lostreten könnten? So schlimm sah es bei ihm doch gar nicht aus, das würde mit ein wenig Ruhe und Arnikasalbe sicher wieder weggehen.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Jan 16, 2013 10:49 pm

Vince atmete tief durch. Dies war einer der besten Ärzte New Yorks. Dieser Mann hatte Ruf und Fähigkeiten und behandelte nur die Menschen, die sich seine Behandlung auch ohne Weiteres leisten konnten. Was würde er wohl sagen, wenn er hier mit Julian auftauchte? Und was noch viel wichtiger war: wie würde Julie reagieren? Ein Blick zur Seite setzte ihn davon in Kenntnis, dass sich der kleinere Norweger gerade bewusst geworden war, was sein neuer Mitbewohner eigentlich mit seiner ‚Überraschung‘ gemeint hatte. Vince schloss die Augen. Julie schien alles andere als begeistert zu sein. Wer konnte auch schon genau sagen, was er für Erfahrungen gemacht hatte? Vince kannte sich mit diesem Milieu überhaupt nicht aus, kannte lediglich die unzähligen und markanten Klischees. Vermutlich war die Realität auch nicht sonderlich davon entfernt. Seine Finger legten sich auf die Türklinke. So als müsse er sich an etwas festhalten. Seine Beine wirkten auf einmal so schwach, viel zu dünn um seinen Körper zu tragen. Was ging wohl jetzt gerade in Julian vor? Ob er Vince verfluchte? Er wagte es gar nicht, hinzusehen.
Die Tür gab mit einem Surren nach, schnackte für einige Zentimeter auf, Vincent verlor leicht sein Gleichgewicht. Die Tür war offen, jetzt brauchten sie nur noch einen Schritt nach dem anderen zu machen, immer und immer weiter und am Ende würde es gar nicht so schlimm sein. Jetzt durfte man nicht zögern – es war wie der erste Schultag, am Anfang klammerte man sich noch an seine Schultüte, weil es alles ist, was man noch von seiner Mama hat, und nachher liegt sie achtlos auf dem Tisch, weil man jemand Interessanten gefunden hat. Er stand im Türrahmen, als er sich umdrehte, um Julie zu rufen. Doch er sah nur den Tanz der sich vor Verneinung schüttelnden Locken. Er seufzte.
Vince schaute ihn an, unschuldig. Er wollte ihm doch nichts Böses. Es war einfach nur ein gutgemeinter Impuls seiner Nächstenliebe. Wenn irgendetwas mit Julian nicht stimmte, dann musste das wieder gerichtet werden und Vince war auch kein Wunderheiler. So gern er Julie auch helfen wollte, er glaubte nicht, dass er mit den wenigen Mitteln daheim fachmännisch Verarzten konnte. Er brauchte richtige ärztliche Behandlung. „Julie...“ murmelte er und deutete leicht mit dem Kinn in den Flur. Ein stummes Flehen. Er hatte nicht das Recht dazu Julie zu irgendetwas zu zwingen und mit einer vernünftigen Argumentation würde auch nicht fruchten.
Die Tür fiel wieder hinter ihm ins Schloss, nachdem er wieder vor dem Blonden stand, von oben auf ihn herabblickte. War er etwas Besseres als Julian? Nur weil er Geld hatte und ein geregeltes Leben? Konnte er ihm deswegen Vorschriften machen? Dinge bestimmen, die er eigensinnig als richtig erachtete? Er seufzte. Manchmal musste man in den sauren Apfel beißen.
„Julian...“ er legte seine Hände auf die Schultern des Jüngeren. „Hör mal, die Salbe kann zwar deine äußeren Blessuren lindern, aber wenn irgendwas...“ er legte seine rechte Hand auf Julies Brust „ hier drin kaputt ist, dann kann das niemand heilen, indem er dir Salbe aufträgt.“ er schaute ihn in die hellen Augen „Und ich will nicht, dass du irgendwie leidest.“
Ihm ging es gar nicht darum, dass Julian sich von irgendwem auf Geschlechtskrankheiten oder sonstige verruchte Dinge hin untersuchte. Daran hatte er bis gerade überhaupt nicht gedacht, obwohl es so offensichtlich war. Das Julian sich durch seine ‚Arbeit‘ irgendwelche tödlichen und gefährlichen Krankheiten in sich tragen konnte. Vince atmete scharf ein. Wie konnte er das nur unbeachtet gelassen haben?
„Wir können nicht wieder fahren, Julian.“ meinte Vince eine ganze Spur ernster. „Weil es wichtig ist, dass es dir gut geht!“ er seufzte und schaute kurz weg „Ich möchte, dass du mit mir zu diesem Arzt gehst. Er ist ein guter Mann und er kann dir helfen. “
„Und du brauchst auch keine Angst haben, hörst du? Ich bleib die ganze Zeit bei dir und wenn du willst gehen wir danach etwas zusammen essen, wo du möchtest, okay?“ seine Hand rutschte den Arm hinunter und schloss Julie‘s Finger in die seine. „Ich halte auch deine Hand, die ganze Zeit über.“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Do Jan 17, 2013 4:37 pm

Bestimmt war Vincent enttäuscht von ihm, dass er sich so anstellte, dass er nicht einfach folgsam das tat, was vermutlich richtig war. Eigentlich hatte er doch auch alles recht darauf, immerhin würde er bald bei ihm wohnen, und er konnte ja gar nicht wissen, ob er nicht ernsthaft krank war, sein Misstrauen und seine Sorge waren also berechtigt. Julian wusste ja selbst nicht, wieso der Gedanke, die Arztpraxis zu betreten und sich untersuchen zu lassen auf einmal solche Angst in ihm hervorrief. Er sah den flehenden Blick des Dunkelhaarigen, wie er Richtung Flur nickte, schüttelte erneut den Kopf, beschämt zur Seite blickend. Er wollte, es wäre so einfach, aber so funktionierte das einfach nicht, er konnte nicht mit dem Finger schnippsen und schon war jegliche schlechte Erfahrung, die er in der Vergangenheit gemacht hatte, vergessen. Schuldbewusst blickten die blauen Augen zu Vincent hinüber, leicht den Atem anhaltend, als er die Tür wieder zufallen ließ und auf ihn zutrat. Kurz hatte er Angst, er könnte jetzt wirklich sauer auf ihn sein und blickte betreten auf seine Schuhe. Umso überraschter hob er den Kopf wieder, als sich die Hände des anderen schwer auf seine Schultern legten, etwas verdutzt zu ihm aufsehend.
„Aber es sind doch nur blaue Flecken!“, setzte er erneut an, musste aber vor Schmerz zusammenzucken, als sich die Hand des anderen auf seine Brust legte, die Zähne zusammenbeißend. Er hatte das alles nie als so schlimm empfunden, aber so langsam wurde ihm bewusst, in was für einer Welt er eigentlich die letzten Jahre über gelebt hatte.
„Wird er mir denn auch helfen wollen, obwohl ich kein Geld habe?“, hakte er vorsichtig nach, denn selbst, wenn er sich dazu bereit erklärte mitzugehen hieß das nicht, dass man ihn auch behandeln würde. Aber Vince schien es ziemlich ernst mit dieser Sache zu sein, dass Julian beinahe ein wenig schlucken musste, als seine Stimme auf einmal einen solch ernsten Unterton annahm. Sich noch weiter dagegen zu stemmen wäre wohl albern. Bei den nächsten Worten des Älteren hellten sich seine Augen leicht auf, auf das sommersprossige Gesicht trat ein Lächeln. Er nickte eifrig, die Locken wippten auf und ab.
„Dann will ich Fisch“, beschloss er mit fester Stimme, leicht errötend, als sich die Finger des anderen um seine Hand schlossen.
„Ich bin doch kein kleines Kind mehr“, nuschelte er betreten, aber dennoch löste er sich nicht aus dem angenehm warmen Griff der Hand, bis sie vor der Anmeldung standen. Die Praxis sah wirklich nobel und modern aus, nicht zu vergleichen mit den Praxen, die er sonst so kannte. Mit unverhohlener Neugierde blickte er sich um, musterte die anderen Patientin, bis sie seinen forschenden Blick bemerkten und er ihrem ausweichen musste. Sie mussten allerdings noch eine ganze Weile warten, wie zu erwarten, wenn man spontan vorbei kam, und Julian schnappte sich gleich eine der lächerlichen Modezeitschriften, die zur Unterhaltung herumlagen, skeptisch die Hochglanzfotografien musternd. Er hielt inne, sah an sich herunter, dann wieder zu dem Model in dem Magazin.
„Ich könnte auch modeln“, stellte er fest, mager genug wäre er auf jeden Fall. Dabei sollten diese Leute doch wahrlich genug verdienen, um sich was zu essen leisten zu können! Was für eine verdrehte Welt. Er gähnte gelangweilt, starrte auf die vielen Leute, die mit ihnen im Wartezimmer saßen.
„Sind die alle noch vor uns dran?“, fragte er ächzend, ein wenig in sich zusammenfallend, während seine Finger mit Vincents Hand spielten, die auf seinem Bein lagen, die zugesprochene Körpernähe ausnutzend. Gedankenverloren starrte er auf seine Schuhe, die langen Beine schließlich über Vincents Schoß legend, sich in seinem Stuhl zurücklehnend.
„Wenn ich gewusst hätte, wie lange das dauert, wäre ich lieber vorher was essen gegangen“, schmollte er, sich die nächste Klatschzeitschrift schnappend.

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Jan 22, 2013 11:20 pm

Für die ersten Augenblicke schien es so, als würde sich dieser kleine Blondschopf nicht von seinem Standort wegbewegen, wollte lieber wurzeln schlagen und hier erfrieren, als sich ein paar musternden Blicken zu stellen. Sie waren ja nicht mal bei einem Zahnarzt – das hätte Vince ja noch nachvollziehen können, Zahnärzte mochte niemand. Aber je länger in diese blauen Augen schaute, desto schwächer wurde der Ausdruck von Starrsinn und Trotz in ihnen. Julie schien endlich verstehen zu wollen, dass Vincent nichts im Schilde führte und dass es ihm wirklich ernst war. Merkte er denn nicht, dass sein Körper ein Sandsack für all die Verbrechen und schmierigen Bedürfnisse der Gosse dargestellt hatte? Oder hatte er sich damit einfach abgefunden? So, wie er sich die Jahre über mit diesem abstoßenden Milieu abgefunden zu haben schien. Innerlich über diesen offenkundigen Pessimismus seufzend, atmete der Dunkelhaarige abermals durch. Aber wenigstens schien es dem Norweger jetzt zu dämmern, dass ihm hier beinahe keine Wahl gelassen wurde. Niemals hätte es Vince gewagt ihn auf diese Art und weise vor die Wahlurnen zu schicken, dafür kannte er ihn einfach zu wenig. Aber, das war einfach viel zu wichtig, als den mürrischen Launen eines störrischen Jungen nachzugeben.
„Mach dir mal um das Geld keine Sorgen.“ antwortete er auf diese unterschwellige Ausflucht „Dr. Bernhards ist ein wirklich netter Mann und es ist sein Job, Menschen zu helfen.“ er versuchte es wieder mit einem Lächeln, wollte die sich abkühlende Stimmung wieder aufwärmen „Es gibt nicht nur schlechte Menschen, Honey“ zwinkerte er und fuhr einmal durch die Locken.
Die anfänglichen skeptischen Blicke in Richtung Tür wurden augenblicklich eingestellt und von einer mitreißenden Euphorie abgelöst. Damit hatte er wohl den richtigen Nerv getroffen. Vince war ja so ein kleiner Held. Er konnte sich ein breites Grinsen nicht verkneifen, als Julie von der Idee gemeinsam essen zu gehen, mehr als begeistert zu sein schien. Ja, Liebe geht durch den Magen! Ein wenig angeekelt zuckten seine Mundwinkel. Omnomnomnom Fisch! Er schüttelte sich leicht. Das war wahrlich keines seiner Lieblingsgerichte. Diese glitschigen Dinger waren einfach nur eklig und kalt und glitschig und kalt und eklig! Aber naja, Julie musste diese alles anlutschenden Meeresbewohner ja irgendwie mögen – immerhin kam er aus dem Norden Europas! Da aß man das bestimmt zu allem. „Wenn du das willst~“ deutete er seine Zustimmung an. Er würde einfach etwas anderes nehmen, dann hatte Julian den ganzen Fisch nur für sich allein!
Erneut drückten die dünnen Finger auf die Schelle und erneut surrte die elektronische Türentrieglung, Hand in Hand betraten sie den hellen Flur und verweilten im Aufzug, bis eine überfreundliche elektronische Dame ihnen den vierten Stock ankündigte. Zaghaft klopfte er an die weißlackierte Holztür und trat dann in den Empfangsbereich der großen Praxis ein. Der Geruch von spärlich versprühtem Dufterfrischer lag über dem allgemeinen praxistypischen Eigengeruch. Eine dünne blonde Standardempfangsdame lächelte sie mit ihrem Zahnpastalächeln an. „Was kann ich für Sie tun, Mr. Collister?“
Ach ja- wenn man Vince war, dann blieb man nicht lange unerkannt und diesen Arzt suchte er auch schon auf, seit dem er hier in dieser Stadt residierte und wer vergaß schon Monsieur Collister?
„Einen wunderschönen guten Morgen, Stacy~“glitterte er floskelhaft zurück und trat an den Glastisch. „Das hier ist mein Cousin: Julian Collister.“ bemerkte er als Antwort auf den fragenden Blick hinüber zu seiner Begleitung. „Er hat einige Verletzungen eines Überfalls in Downtown davongetragen.“ seufzte er theatralisch und es folgte ein belangloses Palaver über die allgemein gefährliche Situation in den Straßen und das es immer wieder alkoholisierte Ausreißer gab, die es auf die Geldbörsen ehrbarer und guter Bürger abgesehen hatten.
„Bedauerlicherweise müssen Sie noch im Wartezimmer Platz nehmen. Ich versuche so schnell wie es möglich ist, Sie dazwischen zu schieben.“
Vince winkte ab und dirigierte den orientierungslosen ‚Cousin‘ in das Wartezimmer, indem bereits einige Leute saßen. Mit einem allerwelts ‚Guten Morgen‘ nickte man die neugierigen Blicke ab und setzte sich auf einen Stuhl. Julian setzte sich neben ihn und nach einigen Minuten hatte er alles hinreichend angestarrt und widmete sich einer der Zeitschriften, die es hier zuhauf gab. Vince‘ Finger lösten sich nur von den warmen Fingern des Blonden, wenn dieser in der Zeitschrift blätterte.
Aus der Warteapathie gerissen blinzelte der Braunäugige den Körper neben sich an und zog die Augenbraue hoch „Zum modeln, sollte man mager sein, aber nicht abgemagert “ lächelte er „Außerdem müssten wir was an deiner Garderobe ändern.“ Erst im nachhinein wurde ihm bewusst, was er eigentlich gesagt hatte. Es tat ihm irgendwie leid, aber was sollte er auch sonst sagen? Er wollte nicht, dass Julie sich jetzt schon wieder irgendwelche Flausen in den Kopf setzte. Sie mussten ihn erstmal wieder aufpäppeln, ehe er an überhaupt irgendwelche großartigen Aktivitäten denken durfte.
Auf die folgende Bemerkung hin setzte man erst einmal ein entschuldigendes Lächeln für die leicht pikierten Großmütterchen auf. Das konnte man doch nicht einfach so sagen, hier unter den Leuten?! Vince schaute zu seiner Linken und wollte gerade etwas über die Lippen bringen, als er die Beine des Norwegers schamlos auf die Oberschenkel drapiert bekam. Ein wenig perplex schaute er von den Beinen wieder zu dem Jungen an seiner Seite, dessen Gesicht hinter einer aufgeschlagenen Boulevardzeitschrift verschwand. Wie saß er denn auf seinem Platz? Diese Körperhaltung?! Er war hier nicht zuhause, geschweige denn hatte ihm irgendwer erlaubt, sich hier zu benehmen, als wäre er ein verzogenes Balg ohne Manieren. „Julian.“ zischte Vince leicht angewidert und schubste die Beine von seinem Schoß und riss ihm dann die Zeitschrift aus den Fingern. „Nimm deine Füße gefälligst weg! Setz dich gerade hin!“ er schnippte ihm mit der Zeitschrift gegen die Stirn „Hast du kein Benehmen? Du bist hier nicht zuhause. Benimm dich gefälligst!“
Ihn anfunkelnd wischte er sich mit den Handflächen über die Oberschenkel, als wolle er unerwünschte Flusen los werden und verschränkte dann die Arme vor seiner Brust. Tze. Was dachte sich Julian eigentlich, wo er sich gerade befand?!

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Kauzi
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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Di Jan 29, 2013 3:37 pm

Julian hatte absolut nicht damit gerechnet, dass Vincent sich so an der Nähe stören könnte, die er zu ihm gesucht hatte, schnappte erschrocken nach Luft, als er seine Beine von seinem Schoß schubste, als könnte er sich an ihnen verbrennen. Seine Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen, hatte er etwa einen wunden Punkt bei Vincent getroffen? Aber anscheinend schien es ihm nur um Benehmen zu gehen. Entrüstet schnappte der Lockenkopf nach der Zeitschrift, die man ihm weggenommen hatte, nur, um sie im nächsten Moment ins Gesicht zu bekommen. Er schnappte empört nach Luft, seine Un-terlippe vorschiebend. Vince brauchte ihn doch nicht gleich zu behandeln wie einen unge-zogenen Hund! Wütend funkelte er ihn an, ihm das Boulevardmagazin aus der Hand rei-ßend, welches man ihn gerade eben weggenommen hatte. Mit einem gekränkten Blick quittierte er, wie Vince sich die Hose abputzte, als hätte er sie irgendwie beschmutzt, sich leicht von ihm wegdrehend, sodass er nur noch seinen Rücken zu sehen bekam. Er spürte, dass er errötet war, und dass jetzt vermutlich jeder andere Patient sehen konnte, wie peinlich ihm die ganze Angelegenheit war, machte es nicht viel besser. Er vergrub das Gesicht zwischen den bunt bedruckten Seiten, konnte dabei allerdings nicht verhindern, dass er nervös auf seiner Unterlippe kaute. Vincent tat ja gerade so, als wenn er hier mitten im Wartezimmer schreiend auf sich aufmerksam gemacht hätte. Was bildete er sich eigentlich ein, dass er ihn einfach so behandelte? Es fühlte sich jedenfalls sehr unan-genehm an. Er wollte gerade kein Wort mehr mit dem Älteren wechseln, vertiefte sich absichtlich besonders tief in seine Zeitschrift, und hoffte, dass der andere ihn nicht an-sprechen würde. Und wenn, dann würde er ihm nicht antworten, so!
Der Warteraum leerte sich immer mehr, sie waren bestimmt schon eine Stunde hier, aber die Empfangsdame hatte ja schon prophezeit, dass es etwas länger dauern könnte. We-nigstens verringerte das die Augenpaare, die nach Vincents Schelte verstohlen ansahen. Dennoch war er froh, als endlich sein „Name“ aufgerufen wurde, oder zu mindestens den, den sie angegeben hatten. Mit einem etwas mulmigen Gefühl trat er in den Gang, Vincents Angebot von zuvor, er würde seine Hand halten, jedoch getrost ignorierend. Er wollte ihm ja nicht erneut peinlich sein! Er reckte das Kinn trotzig etwas in die Höhe, der Arzthelferin zu einem noch leeren Behandlungsraum folgend, in dem man ihn auf eine Liege und den Dunkelhaarigen auf einen Stuhl an der Wand platzierte mit der Anweisung, dass er sich schon mal sein Oberteil ausziehen sollte. Dann war die aufgetakelte Dame wieder verschwunden. Mit einem etwas mulmigen Gefühl blickte Julian ihr hinterher, am Bund seines Shirts herumzupfend.
„Was….Was ist, wenn der Arzt merkt, dass das nicht von einem Überfall stammen kann?“, fragte er den anderen flüsternd, während er sich mit einem unguten Gefühl das Shirt auszog und es neben sich auf die Liege legte. Immerhin gab es sicher auch längst ange-heilte Rippenfrakturen, ältere Blessuren. Würde das den Arzt nicht stutzig machen? Eine weitere Sache, über die sie im Vornherein gar nicht richtig nachgedacht hatten. Er schlang die Arme vorsichtig um seinen Oberkörper, zum einen, weil es hier doch ein wenig kalt war, zum anderen, weil er sich nicht so ganz wohl in seiner Haut fühlte. Verunsichert schielte er zu Vince hinüber, sich wünschend, er wäre nicht wütend auf ihn gewesen, denn dann hätte er ihm doch ein wenig Rückhalt geben können, wenn der Arzt gleich kam. Aber um sich jetzt nochmal zu entschuldigen, dafür war er zu stolz. Dennoch blickte er immer wieder zur Tür, sogar kurz erschrocken zusammenzuckend als diese sich plötzlich öffnete und der Arzt mit einem freundlichen Lächeln ins Zimmer getreten kam.

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Ced

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   Mi Jan 30, 2013 10:31 pm

Seine Augen schlossen sich für einen Moment. Das war wirklich alles andere als akzeptabel gewesen. Was sollten denn die Leute von ihm denken? Sie waren hier nicht unter sich und saßen in einer ansehnlichen und teuren Praxis, die Leute hier gehörten zu dem Klientel, dem sich Vince angehörig fühlte. Es reichte ja schon aus, dass er hier mit einem hilflos abgemagerten Jungen aufgekreuzt war, musste Julie ihm das noch schwerer machen? Wenn man so wollte, dann schämte sich der Dunkelhaarige sogar für den Stricher an seiner Seite. Er war immer ein ehrbarer und braver Steuerzahler gewesen, der in seiner feinen gutbürgerlichen Welt aufgewachsen war. Sicherlich konnte er auch Konventionen und Normen brechen und sich dagegen zu Wehr setzen – immerhin war er die Inkarnation von Schwuchteligkeit! Aber mit dieser Art von Gesellschaft, fühlte er sich immer noch mulmig. Klar, Julie sah jetzt nicht aus wie eine Crackhure und erweckte sofort und ausschließlich den Eindruck eines Prostituierten, aber Vince wusste einfach, was Julie eigentlich war, oder gewesen war. Da gingen einfach seine anerzogenen Prestigewünsche mit ihm durch – wer wusste schon, für was er seinen glitzernden Ruf aufs Spiel setzte? Es war überhaupt nicht seine Art, einem Fremden so direkt einen Teil in seinem Leben zu überlassen. Zwar hatte er eine grundlegende optimistische Haltung, was die Ehrlichkeit und das Sittegefühl seiner Mitmenschen betraf, aber dennoch kannte er Julian doch nicht einmal wirklich. Die beiseite geschobenen Zweifel machten wieder auf sich aufmerksam – was wenn Julie ihn nur ausnutzte? Seinen kindlichen Charme dazu nutzte, einen gutmütigen Homo eiskalt eins auszuwischen? Was wenn Julie immer und immer mehr wollte?
Vince schlug die Beine übereinander und gab den anderen Anwesenden zu verstehen, dass es keinerlei Grund für stierende Blicke oder unangepasstes Getuschel gab. Immerhin hatte er seinem lieben Cousin nur ein wenig Benehmen vermittelt. Und immerhin sprang der Gelockte nicht an die Decke und begann schreiend um sich zu schlagen. Er fühlte sich zwar auf den Schlips getreten und alles andere als begeistert, doch er sah davon ab, Vince in irgendeiner Form bloß zu stellen. Ein verstohlener Seitenblick bestätigte ihm, dass Julian mit dem Rot des Stilllebens hinter ihm konkurrierte. Ihm war es also auch peinlich – gut, dann waren sie ja schon mal zwei. Aber sollte er sich nur hinter diesen Bildern und geschönten Artikeln verstecken. Mit ihm reden wollte Vince sowieso nicht, dafür war der Kleine viel zu trotzig und Vince zu bitchig.
Doch die anhaltende Stille, die nur hier und da von einem Hüsteln oder dem Umblättern unterbrochen wurde, ließen Vince Gehirn weitere Verschwörungstheorien spinnen. Er glaubte zwar nicht, dass Julie das mit dem Freier von gestern Abend gewollt hatte und auch nicht, dass er Vince‘ Gutmütigkeit einkalkuliert hatte, doch was, wenn er nur ein Opportunist auf der Suche nach einem warmen Dach war? Vince hatte keine Probleme damit wildfremde Männer mit zu sich nach Hause zu nehmen, doch die wurde man spätestens am nächsten Tag wieder los. Das mit Julie schien nicht kurzfristig und schon gar nicht abenteuerlich zu werden. Auch die Panik, die er vor dem Arzt geschoben hatte – verheimlichte er etwa irgendwas? War europäischer Spion? Oder war er von der Konkurrenz geschickt worden, um Vince zu ruinieren?! Um Himmels Willen, Vince! ermahnte er sich selbst, was reimte er sich da für einen Schwachsinn zusammen? Was war nur mit ihm los? Er war doch sonst nicht so irrational. Er fuhr mit der Zunge nachdenklich über die Zähne. Der Norweger brachte ihn irgendwie aus seinem gewohnten Verhaltensmuster – war das jetzt gut oder schlecht? Vince wusste es nicht. Und deswegen war es mehr als nur unfair Julie solche Sachen zu unterstellen, wenn auch nur in Gedanken. Das verdiente er nicht. Das verdiente niemand.
Resignierend und leicht beschämt fischte er sein Smartphone aus der Manteltasche, vielleicht hatte er ja irgendwelche Emails oder SMS‘s, die ihn von diesen trübseligen Gedanken ablenkten. Einen so geschäftstüchtigen Menschen ließ in diesen Momenten auch die allgemeine und stete Erreichbarkeit nicht im Stich und so konnte er sich mit dem positivsten in seinem Alltag ablenken: seinem Job. Seine schmalen Finger sausten über die kleine Tastatur, bis man endlich ‚Julian Collister‘ in den Warteraum gerufen wurde. Vince erhob sich. Er wollte sich nicht vollkommen verklemmt und ignorant präsentieren und hielt dem Blauäugigen seine Hand hin, Versprechen war Versprechen. Doch der Norweger schien immer noch zu eingeschnappt. Vince lächelte entschuldigend und zuckte leicht mit den Schultern. Wenn er nicht wollte, dann konnte ihn auch keiner dazu zwingen. Er folgte dem beleidigten jungen Mann durch den Flur voller Kandinsky-Reproduktionen hinein in eines der Behandlungszimmer. Dort setzte man sich in den Begleiterstuhl und schaute erwartungsvoll in Richtung des Patienten. Die Atmosphäre in dem Raum glich der gewohnten leicht durch Zimmerpflanzen aufgelockerten strengen Beklemmung der Erwartung eines ärztlichen Urteils. Julian schien sich seiner eigenen Haut zu schämen, er fühlte sich sichtlich unwohl. Die braunen Augen folgten dem schmalen Körper, wie er sich auf die Liege legte. Was sollte er ihm antworten? Leise erhob er sich und trat an die Liege.
„Mach dir mal keine Sorgen, okay?“ Vince lächelte aufrichtig „Stephan ist ein wirklich guter Kerl. Er ist ein guter Arzt, er wird dir helfen.“ er streckte die Hand aus, wollte Julie über die Wange streichen, entschied sich jedoch um und griff lieber nach den abgelegten Kleidungsstücken. Dann setzte er sich wieder. Er war sich immer noch sicher, das Richtige zu tun. Dann ging endlich die Tür auf, Dr. Bernhards betrat den Behandlungsraum. Er war ein großer, stattlicher Mann Anfang der 30iger, trug kurzes schwarzes Haar und schaute mit seinen grünlichen Augen auf das Klemmbrett in seiner Hand. Vincent erhob sich und gab dem Arzt die Hand, sie wechselten ein paar begrüßende Worte, ehe sie gemeinsam zu Julian kamen.
„Hey“ grinste ihn der Arzt an, streckte seine Hand aus „Ich bin Doktor Bernhards und du bist demnach Julian?“ er wechselte kurz einen Blick mit Vincent und schaute dann wieder in die blauen Augen des Norwegers. Er setzte sich auf die Liege und begutachtete mit besorgtem Blick die Blessuren auf der Haut. „Wie konnte das denn passieren?“ er schüttelte den Kopf „Vince gibst du mir bitte mein Stethoskop? Es liegt da auf dem Schreibtisch.“
Nachdem er mit dem Abhorchen der Lunge fertig war, legte sich seine Stirn in Falten. „Darf ich?“ fragte er und streckte die Hand nach der fahlen Brust aus, berührte sie ganz leicht. „Wenn etwas weh tut, musst du das nur sagen.“ Vorsichtig tastete er die Brust ab, abwechselnd zwischen Gesicht und Oberkörper seines Patienten schauend. Sein Gesichtsausdruck schien sich ein wenig zu verdüstern.
„Würdest du dich bitte bis auf die Unterhose entkleiden, Julian?“ er erhob sich von der Liege und legte Vince eine Hand auf die Schulter, sie wechselten bedeutungsschwere Blicke. „Wann hast du dich das letzte Mal von einem Arzt untersuchen lassen Julian, hm?“

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BeitragThema: Re: Somewhere in New York [Ceddel und Leule tippseln rum]   So Feb 03, 2013 7:29 pm

Die blauen Augen des Norwegers beobachteten jede Regung des Arztes ganz genau, er sah schonmal freundlicher aus als der Mediziner, zu dem sein Zuhälter ihn immer geschleppt hatte, und er entspannte sich ein kleines bisschen, sich auf der Liege aufsetzend und dem anderen ein nervöses Lächeln schenkend. Kurz schielte er zu Vince hinüber, er hatte gerade so abwesend gewirkt, ob er das Ganze hier immer noch für eine gute Idee hielt? So wenig Julian von ihm verlangen konnte, dass er ihn bei sich bleiben ließ, im Endeffekt konnte er ihn zu nichts zwingen, wenn er sich doch umentscheiden sollte. Er hatte ja absolut keine Verpflichtungen, ihn in seinem Leben aufzunehmen. Wohlmöglich hatte er gestern wirklich übereilt gehandelt und bereute seine Entscheidung. Julian schluckte schwer, wandte seine Aufmerksamkeit lieber wieder dem Arzt zu. Er hatte viel zu große Angst davor, was werden sollte, wenn er doch zu seinem alten „Job“ zurück müsste, um sich damit jetzt zu befassen. Er schüttelte Dr Bernhards´ Hand, anscheinend schienen er und Vincent sich wirklich schon länger zu kennen, und umso klarer wurde es dem Lockenkopf jetzt, weshalb er gerade im Wartezimmer so ungehalten reagiert hatte. Er biss sich leicht auf die Unterlippe. Hatte er sich denn wirklich so mies benommen? Ihm war das gar nicht so vorgekommen, aber der Dunkelhaarige könnte wohl doch recht gehabt haben. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen ließ er die Untersuchung des Arztes stumm über sich ergehen, im Prinzip war das Ganze ja etwas Gutes. Er bekam manchmal schlecht Luft, und dass ihm oft etwas wehtat, war sicherlich kein Geheimnis. Bis jetzt hatte er sich immer so damit abgefunden, aber wenn ein richtiger Arzt ihn untersuchte, musste er das vielleicht bald gar nicht mehr. Es war für ihn nie pessimistisch gewesen, er hatte sich einfach mit dieser gewalttätigen Welt abgefunden, weil es nicht viel genützt hätte. All das war irgendwie Alltag geworden. Hin und weder zuckte er zusammen, wenn die kalten Geräte oder die Finger des Arztes über seine Brust und seinen Rücken fuhren, aber er beschwerte sich weiter nicht. Sicherlich wusste Doktor Bernhards, was er tat. Hin und wieder schaute er zu Vince hinüber, aber der erhoffte Gesichtsausdruck, der ihm irgendwie Entwarnung gab, blieb aus. War es denn wirklich so schlimm? Auch der Arzt schien nicht besonders begeistert zu sein von seinem Zustand. Mit einem etwas mulmigen Gefühl stand Julian auf, sich die Jeans von den schmalen Hüften ziehend. An seinen Beinen hielten sich die Blessuren in Grenzen, er entblößte höchstens noch ein paar blaue Flecken auf seinen Hüftknochen, wo ihn irgendwelche Freier zu grob angepackt hatten, aber das würde der Arzt doch kaum deuten können, oder?
„Ich weiß nicht, ist sicher schon eine Weile her“, antwortete er, mit den Schultern zuckend. Ihm war das nie besonders wichtig erschienen, aber er strengte den Lockenkopf noch einmal an.
„Vielleicht im Januar oder Februar? Dazwischen war das eigentlich nicht nötig!“, fügte er hastig hinzu. Immerhin war er ja als Vincents Cousin hier, und der wurde bestimmt nicht misshandelt. Aber irgendwie schien der Mediziner nicht ganz so zufrieden mit seiner Antwort zu sein, und auch der Blick seines Retters war irgendwie düster. Er kaute unruhig auf seiner Unterlippe herum, froh darüber, dass man ihn anwies, sich erst einmal wieder anzuziehen.
„Wir nehmen dich mal fix mit zum Röntgen“, eröffnete ihm der Arzt, nahm ihn ohne Vincent mit in einen Nebenraum. Dass er jetzt alleine mit dem Doktor hier war, so ganz ohne den Dunkelhaarigen, gefiel ihm nicht wirklich, man legte ihn auf eine weitere Liege, legte ihm eine schwere Bleischürze um. Der Mediziner verschwand in einem verglasten Nebenraum, und nach ein paar Minuten mit Gesurre und Gepiepse, in denen er sich mal auf die Seite, mal auf den Rücken legen musste, war auch schon wieder alles vorüber und er konnte wieder in den Untersuchungsraum zurückkehren, wo Vincent auf ihn wartete. Das alles war ihm doch ein wenig zu bunt, weshalb er dieses Mal in der Nähe des Älteren blieb, zögerlich nach seiner Hand tastend, während der Doktor die Röntgenbilder auf seinem PC-Bildschirm musterte.
„Ist da was Schlimmes drauf zu sehen?“, fragte Julian schließlich, weil der Gesichtsausdruck des anderen sich nicht wirklich verbessern wollte.
„Ja, und zwar noch mehr Rippenbrüche, die teilweise wirklich schlecht verheilt sind. Warst du damit nie zum Arzt?“
Der Norweger schüttelte den Kopf, hilfesuchend zu Vincent hinüberblickend. Ahnte er etwa, dass er nicht nur einmal überfallen worden sein konnte?
„Außerdem hast du dir das Zwerchfell gerissen. Das klingt vielleicht schlimmer als es ist, aber man sollte das auch nicht auf die leichte Schulter nehmen.“
Julian zog besorgt die Augenbrauen zusammen, sich auf den Stuhl gegenüber fallen lassend.
„Was heißt denn das, ich hab das bis jetzt nicht mal gemerkt“, gestand er, Vincents Hand vorsichtig loslassend. Er hatte immer gedacht, das wären alles nur oberflächliche blaue Flecken, aber in Wirklichkeit schien nun doch mehr dahinter zu stecken.
„Ich bin vor nem halben Jahr oder so mal die Treppe runtergestolpert, aber ich dachte das wäre nicht so schlimm“, murmelte er. Irgendeine Ausrede musste er sich doch einfallen lassen! Die Wahrheit wäre sicherlich nicht angebracht.
„Und was macht man da jetzt?“, fügte er schnell hinzu, um das Thema wieder auf etwas anderes zu lenken.

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